Corona in Syrien: Fluch oder Segen?

Khaleds Leben in zwei gegensätzlichen Welten

3. Mai 2020

3. Folge des Podcasts Anderswo bei Spotify

Von Khaled erfahren wir in der aktuellen Podcast-Folge, wie es ist, wenn man in sich zwei scheinbar komplett entgegengesetzte Lebensrealitäten vereint. In Freiberg (Sachsen) führt er nach seinen schrecklichen Erfahrungen in Syrien mittlerweile ein glückliches Leben, während einige syrische Freunde und Angehörige gerade aufatmen können, da die Corona-Krise jegliche Kampfhandlungen gestoppt hat. Ein Gespräch über die Folgen des Krieges, den Willen nach Freiheit und Gerechtigkeit und die absurden Auswirkungen der aktuellen Pandemie vor Ort in Syrien. Aufgrund der Länge und Tiefe des Gesprächs haben wir uns dafür entschiedene, die Aufnahme in zwei Teile zu trennen und hoffen, damit auch allen Zuhörer*innen einen Gefallen zu tun.

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Kurz vor der Aufzeichnung unserer dritten Folge saß Agi, die bei der Aktion Zivilcourage den Podcast mitbetreibt, am Frühstückstisch und las eine Meldung zu Syrien: In Koblenz beginnt der weltweit erste Prozess wegen Kriegsverbrechen in Syrien. Zwei mutmaßliche Handlanger des syrischen Machthabers Baschar al-Assad stehen vor Gericht. Dem Hauptverdächtigen wird 58-facher Mord vorgeworfen.

Das bedeutet für Khaled, der heute ein zufriedenes Leben in Freiberg führt, vor allem eins: Hoffnung. Hoffnung auf Gerechtigkeit. Diese hatte er damals fast aufgegeben – als seine Heimatstadt Daraa angegriffen wurde, als sein Bruder vor seinen Augen verletzt wurde oder als er nach seiner Flucht ins benachbarte Jordanien auf ein deutsches Visum wartete. Aber nach der kompletten Dunkelheit, so Khaled, komme immer das Licht. Inzwischen lebt er seit über 5 Jahren in Deutschland und steckt mitten im Studium. In der aktuellen Corona-Krise wird nun besonders deutlich, wie gegensätzlich seine zwei Lebenswelten sind.

"Als ob es eine Schande für Syrien wäre, wenn es dort Infizierte gäbe"

Denn, so zynisch es klingen mag, in Syrien ist die Ausbreitung des Corona-Virus zur Zeit der Hauptgrund für das Schweigen der Waffen. Mit seinen Verwandten, die weiterhin im Bürgerkriegsland leben, kann er über solche oder andere politische Themen allerdings kaum reden, denn sämtliche Gespräche aus und nach Syrien seien überwacht von der Regierung. Gegen diese würde er sich jederzeit kritisch äußern, vor allem hier in Deutschland. So prangert er in unserem Podcast zum Beispiel an, dass die syrische Regierung das wahre Ausmaß der Epidemie verleugnet:

„Die Regierung gibt keine wahren Informationen an. Als ob es eine Schande für Syrien wäre, wenn es dort Infizierte gäbe. Aber dass sie eine Million Menschen umgebracht haben, das ist doch gerechtfertigt. Und dass es Corona gibt, das dürfen sie nicht sagen, dann würden sie sich blamieren. Das ist Heuchelei.“

Lebensgefährlich sei die Lage auch für alle Menschen, die in syrischen Gefängnissen sitzen. Dort gäbe es keine medizinische Versorgung, eine Ausbreitung des Virus möchte er sich kaum vorstellen. Besonders zu schaffen macht es Khaled aber vor allem, dass im Zuge des Krieges eine ganze Generation keine ordentliche Bildung genießen konnte. Vielleicht betont er auch deshalb mehrmals, dass die meisten syrischen Geflüchteten dankbar dafür seien, dass sie in Deutschland eine neue Chance bekommen haben.

Verständnis für den Traum, in Freiheit und Sicherheit zu leben

Daran schließt sich sein Wunsch an, dass die Geschichten all dieser Menschen gehört werden. „Es ist doch kein Verbrechen, Träume zu haben“, sagt er und meint damit den Traum von einem Leben in Freiheit und Sicherheit. Er hofft, dass die Deutschen Verständnis dafür haben, dass so ein neues Leben hier nicht leicht ist, während in Syrien weiterhin Freunde und Verwandte um ihr Leben fürchten. Khaled selbst haben solche Gedanken in den vergangenen Jahren viel Energie gekostet, aber man dürfe nach all dem, was man erlebt habe, jetzt nicht aufgeben: Seine Pflicht sei es, den Menschen dankbar zu sein, die auch für ihn gestorben sind. Denn sie haben Mut bewiesen.

Khaled selbst spricht immer wieder davon, die Hoffnung nicht zu verlieren und nach vorn zu blicken. Auch in der aktuellen Situation gibt es Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. Er nennt dabei konkret die Hilfsorganisation Fariq Mulham (Team Mulham), die von einer Gruppe syrischer Studierender gegründet wurde. Ihr Ziel ist es, Binnenflüchtlinge in Syrien und syrische Flüchtlinge in den Camps der benachbarten Länder zu versorgen. Da nun auch der Fastenmonat Ramadan gestartet ist, sei deren Arbeit für viele Menschen in der Region ein wahrer Segen.

Interesse geweckt? Dann lest weiter:

Weitere Hintergrundinformationen zu den Themen dieser Podcast-Folge findet ihr hier:

Falls ihr nicht-deutsche Muttersprachler*innen kennt, die die aktuellen Beschränkungen in der Corona-Zeit nachlesen wollen, findet ihr auf der Website https://www.auslaenderrat.de/corona-infos/ die wichtigsten Infos in den verschiedensten Sprachen. Hier gibt es außerdem Übersetzungen der meisten amtlichen Bekanntmachungen.

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