Bei der Peer-Ausbildung „Ich bin wählerisch“ im Mai 2026 in Görlitz blieb ein Moment für eine unserer Teamer:innen besonders in Erinnerung.

15 Jugendliche aus ganz Sachsen kamen hier zusammen. Sie setzten sich mit ihren eigenen Werten und gesellschaftlichen Fragen auseinander. 

Zwischen Austausch, Übungen und gemeinsamen Abenden entstehen in diesen drei Tagen immer wieder ungeplante Verbindungen. Persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Themen hängen plötzlich enger zusammen als erwartet. 

Radikalisierung im Freundeskreis

Ein Jugendlicher kam während einer Pause mit einer Mitarbeiterin ins Gespräch. Schnell wurde deutlich, dass ihn ein Thema besonders beschäftigt: die Veränderungen in seinem Freundeskreis.

Er berichtete davon, dass sich zwei seiner Freunde zunehmend der rechtsextremen Szene zugewandt haben. Zu einem der beiden habe er den Kontakt inzwischen abgebrochen. Die Freundschaft zum anderen bestehe zwar noch, sei jedoch zunehmend belastet. Immer wieder werde er mit rechtsextremen Einstellungen und Äußerungen konfrontiert, die ihn verunsichern und unter Druck setzen.

Das Gespräch machte deutlich, wie herausfordernd es für junge Menschen sein kann, wenn sich politische und gesellschaftliche Einstellungen im persönlichen Umfeld verändern und Freundschaften dadurch auf die Probe gestellt werden.

Frustration und Hilflosigkeit

Gleichzeitig sprach er über Frustration: Gespräche in der Schule hätten bisher wenig verändert, Argumente würden oft nicht weiterhelfen. Und doch blieb bei ihm die Frage, wie er selbst mit dieser Situation umgehen kann.

In diesem Moment ging es nicht um schnelle Antworten. Sondern ums Zuhören.

Im Gespräch wurde deutlich, wie belastend solche Situationen für junge Menschen sein können: die Erfahrung, Freundschaften zu verlieren oder sich innerlich distanzieren zu müssen, verbunden mit Loyalitätsgefühlen, Unsicherheit und dem Wunsch, handlungsfähig zu bleiben, ohne sich selbst zu überfordern.

Gemeinsamer Austausch hilft

Im Austausch ging es darum, die Situation gemeinsam zu sortieren und verschiedene Umgangsmöglichkeiten zu reflektieren – ohne eine einfache oder „richtige“ Lösung vorzugeben.

Dabei wurde unter anderem besprochen, dass es für manche hilfreich sein kann, Beziehungen nicht vorschnell komplett abzubrechen. Man kann z. B. die eigene Haltung sichtbar machen und bei einzelnen Themen unterschiedlicher Meinung zu sein. Das gilt jedoch immer unter der Voraussetzung, dass dies für einen selbst tragbar bleibt.

Eigenen Grenzen kennen und benennen

Gleichzeitig wurde ebenso klar besprochen, dass es legitim und wichtig ist, eigene Grenzen zu ziehen, sich zu schützen und Verantwortung nicht allein zu tragen. Nicht jede Beziehung muss aufrechterhalten werden, und niemand ist dafür verantwortlich, andere Personen allein zu verändern oder „zurückzuholen“.

Am Ende des Austauschs stand vor allem Entlastung: der Raum, die eigene Situation aussprechen und einordnen zu können, ohne bewertet zu werden und daraus eigene nächste Schritte ableiten zu können.

Lernen, ausprobieren, aushandeln

Neben solchen intensiven Gesprächen war die Peer-Ausbildung geprägt von gemeinschaftlichem Lernen und kreativen Übungen: In einem Werte-Auktionsspiel setzten sich die Jugendlichen mit ihren persönlichen Haltungen auseinander. Im Inselspiel entwickelten sie gemeinsam unter herausfordernden Bedingungen eine Gemeinschaft, um zu „überleben“. Einer Fotoaktion verbildlichte, welche Werte ihnen wichtig sind und wodurch diese bedroht werden können.

Was bei unseren Peerausbildungen entsteht, ist mehr als ein Bildungsprogramm: Es ist ein Raum, in dem Jugendliche Demokratie nicht nur erklären, sondern erleben, diskutieren und ausprobieren.

Ein Coaching ermöglichte es ihnen schließlich, selbst Workshopteile auszuprobieren, um ihre eigenen Formate für den Einsatz in Schulen weiterzuentwickeln. Denn am Ende der Ausbildung halten die Jugendlichen einen eigenen Workshop vor der ihrer Klasse.

Gerade darin zeigt sich die besondere Qualität dieser Bildungsarbeit: Sie knüpft an der Lebensrealität der Jugendlichen an, ohne sie zu vereinfachen.

Gemeinschaft als Kit für eine gute Atmosphäre

Besonders deutlich wurde auch die Bedeutung der Gemeinschaft. Die Gruppe wuchs schnell zusammen trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Hintergründe. Zwischen den Arbeitsphasen wurde gemeinsam gelacht, Musik gehört, gespielt und sich gegenseitig unterstützt.

Diese Atmosphäre ist kein Zufall, sondern ein zentraler Bestandteil unserer Ausbildung: Ein sicherer Raum, in dem unbequeme Fragen gestellt werden dürfen, persönliche Unsicherheiten Platz haben und neue Perspektiven entstehen können.

Wirksam und nachhaltig konzipiert

Solche Begegnungen zeigen, warum „Ich bin wählerisch“ wirkt und warum es dieses Projekt braucht. Weil Jugendliche hier nicht nur Wissen über Demokratie erwerben, sondern erleben, dass ihre Fragen ernst genommen werden und Raum bekommen.

Weil sie Werkzeuge entwickeln, um in ihrem eigenen Umfeld handlungsfähig zu werden. Und weil sie erfahren, dass ihre Perspektiven Bedeutung haben und ihr Beitrag etwas in Bewegung setzen kann, auch dann, wenn Themen komplex und persönlich herausfordernd sind.

Die Jugendlichen aus Görlitz haben ihre selbst entwickelten Workshops in Schulen in ganz Sachsen umgesetzt.

Nachhaltig finanziert

Die Ausbildung ist für Jugendliche kostenfrei, aber natürlich braucht es Geld, um sie zu finanzieren. Hier können Sie spenden:

 

Wenn Sie sich vorstellen können, diese Arbeit philantrophisch zu unterstützen oder mehr über das Projekt zu erfahren, kommen Sie gern auf uns zu.

Frag uns

Franz Werner

Referent

Peer-Projekte für Jugendliche

Tel. 0176 137 143 04 

f.werner@aktion-zivilcourage.de

Anne Neuber

Referentin