15.10.2008 / Kamenz

Nicht mal einen Tag blieben die erst am Montag gesetzten zwei Gedenksteine für die Opfer des Naziregimes in Kamenz unbehelligt. Mehrere SZ-Leser meldeten sich gestern Vormittag am Lesertelefon. Zu Beispiel Horst Hetzter. „Ich bin mit einem Enkel von Andreas Grünberger zusammen in die Schule gegangen. Jetzt habe ich den beschmutzten Stolperstein entdeckt. Das regt mich auf.“ Unbekannte hatten in der Dunkelheit der Nacht an der Pforte zur katholischen Kirche die Gedenktafel für den im KZ Dachau umgekommenen Kaplan Bernhard Wensch aus der Wand gerissen und gestohlen, und in der Nähe des Marktplatzes den „Stolperstein“ zur Erinnerung an den Kamenzer Kaufmann Adolf Grünberger, der ebenfalls im KZ umgekommen ist, mit Teer übergossen.

Der Kamenzer Pfarrer Dr. Michael Kleiner reagierte schockiert auf die Zerstörungstaten: „Ich bin entsetzt. Das hat mich wirklich tief getroffen.“ Erst am Freitag letzter Woche hatte er die Bronzeplatte für Bernhard Wensch an der Gartenmauer der Pfarrkirche einsetzen lassen. „Ich wollte damit Kritikern der Stolpersteine, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema auf Augenhöhe wünschen, entgegenkommen“, so Pfarrer Kleiner. Auf der etwa 30 Zentimeter hohen Tafel ist unter der Überschrift „Dr. Wensch Bernhard“ im oberen Teil ein Porträt des Jugendseelsorgers dargestellt, der schützend seine Hände über den Köpfen einer Gruppe von Jugendlichen erhebt. Links davon ist ein SS-Mann zu sehen, rechts der Erzengel Michael. Im Dritten Reich hatte der Jugendseelsorger wesentlich dazu beigetragen, dass die Jugendlichen des Bistums nicht der Ideologie des Nationalsozialismus verfielen. In einem Brief an seine Schützlinge, die zur Wehrmacht eingezogen waren, hatte er den Heiligen Michael als Vorbild erwähnt. Der Brief wurde für die Staatsmacht zum letzten Anlass, Kaplan Wensch zu verhaften und ins Konzentrationslager Dachau zu sperren. Die Bronzetafel stammte aus der Werkstatt des Kölner Egino Weinert und war die Kopie eines Werks, das sich in der Jugendbildungsstätte des Bistums im Winfriedhaus in Schmiedeberg befindet. „Ich werde versuchen, Ersatz für die Tafel zu erhalten“, so Pfarrer Kleiner. „Glücklicherweise bewahrt der Künstler seine Vorlagen auf.“ Die Kripo hat Ermittlungen aufgenommen.

Pfarrer Kleiner hofft auf eine „starke Reaktion“ der Gesellschaft gegen braunen Terror in der Lessingstadt. OB Roland Dantz hat gestern die Missetat ebenfalls scharf verurteilt: „Wir müssen uns im öffentlichen Diskurs über die Schicksale der Opfer des Naziregimes nun auch mit den Taten der neuen Unholde auseinandersetzen.“ (
Von Von Frank Oehl)

Quelle: Sächsische Zeitung, 15.10.2008

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