26.09.2011 / Sachsen

Über Martin Mutschmanns Ende kursierten jahrzehntelang Gerüchte - nun bringt ein Historiker Licht ins Dunkel. Wie endete Martin Mutschmann, einer der brutalsten und mächtigsten Landesfürsten des braunen Regimes? Über Jahrzehnte waberten Gerüchte über das Schicksal des sächsischen Gauleiters herum, nun verzieht sich der Nebel.

Mike Schmeitzner vom Dresdner Hannah-Arendt-Institut hat das letzte Kapitel im Leben von Sachsens Hitler erforscht.

Von Terrorakten seiner Partei habe er gar nichts mitbekommen, beteuerte Mutschmann, als er am 30. Januar 1947 vor Gericht stand. Er sei als Regierungschef so überlastet gewesen, dass er ohne Informationen gelebt und nicht einmal Zeit zum Radiohören gefunden habe, versuchte der 67-Jährige den Richtern weiszumachen. Immerhin räumte er ein, 1941 vom Angriff auf die Sowjetunion erfahren zu haben. "Als ich davon hörte, fing mein Herz vor Schreck an zu klopfen, denn auf diese Weise hatte Deutschland gegen den Nichtangriffspakt verstoßen." Mit den Lagern für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter habe er "nicht das Geringste" zu tun gehabt.

Nach 64 Jahren kommt ans Licht, wie jener Moskauer Geheimprozess verlief, der das Schicksal des sächsischen Herrschers besiegelte. "Während meiner Kindheit in Dresden bot der Nazi-Führer in der Familie wiederholt Gesprächsstoff", sagt Mike Schmeitzner. "Über sein Ende kursierten die unterschiedlichsten Gerüchte. Leute erzählten, er wäre bei der Beseitigung von Trümmern in Dresden gesehen worden. Es hieß auch, er wäre in einem Käfig durch die Stadt gefahren und von der Volksmenge zu Tode geprügelt worden", erinnert sich der 43-jährige Historiker.

Am 30. September erscheint sein vom Hannah-Arendt-Institut herausgegebenes Buch "Der Fall Mutschmann". Anfang der 1990-er Jahre hatte der russische Geheimdienst dem Washingtoner Holocaust-Museum eine Fülle eigentlich gesperrter Materialien übergeben, in der auch die Mutschmann-Akte steckte. Über diesen langen Umweg landeten die Unterlagen des Prozesses schließlich auch bei den Dresdner Forschern.
Der Unternehmer aus Plauen, seit 1925 Gauleiter der sächsischen NSDAP, bekam nach Errichtung der braunen Diktatur 1933 sämtliche Hebel der staatlichen Gewalt in die Hand. "Er wurde Reichsstatthalter, Ministerpräsident und schließlich auch Reichsverteidigungskommissar", listet der Mitarbeiter des Hannah-Arendt-Instituts auf. "Eine solche Machtkonzentration war im NS-Staat außergewöhnlich und auf Mutschmanns besonderes Vertrauensverhältnis zu Adolf Hitler zurückzuführen."

Der bauernschlaue Sachse mit dem sicheren Machtinstinkt war laut NS-Propagandachef Goebbels "ein ordentlicher, brutaler Führer" und erhielt 1933 unbegrenzte Möglichkeiten, seine Grausamkeit auszuleben. Beispielsweise nahm er sich bei einem KZ-Besuch in Hohnstein den einstigen Redakteur der Leipziger Volkszeitung, Hermann Liebmann, persönlich vor. "Dieser ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete musste zur Belustigung des Gauleiters frühere Reden verlesen und wurde dabei gefoltert", berichtet Schmeitzner. Liebmann sei später an den Folgen der im KZ erlittenen Misshandlungen gestorben. Mutschmann zählte zudem zu den glühenden Antisemiten. Schon 1931 hatte er das Brennen von Synagogen angekündigt, und im Sommer 1944 forderte er SS-Chef Heinrich Himmler auf, trotz des Kriegsverlaufs die Ausrottung der Juden zu Ende zu bringen.

Sachsens Hitler oder König Mu hieß der Landesherrscher im Volksmund. Er sei "auch bei den Ariern, auch bei den Nazis" der verhassteste Mann in Dresden, schrieb der jüdische Wissenschaftler Victor Klemperer 1942 in sein Tagebuch. "Der Gauleiter", so erläutert Schmeitzner, "führte ein prunkvolles Leben, während sich die Lebenslage der Sachsen im Krieg ständig verschlechterte."

Um den Luftschutz kümmerte er sich wenig - einer der Gründe für die hohen Opferzahlen bei den Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945. "Er selbst überlebte in einem der wenigen modernen Bunker der Stadt", sagt der Historiker. Noch am 2. Mai 1945 forderte der Nazi-Führer von seinen Untertanen, "zu kämpfen und nicht eher zu ruhen, als bis der verhasste und mitleidlose Feind vernichtet oder vertrieben worden" sei.

Ab dem 7. Mai rückte die Rote Armee in die Landeshauptstadt ein. Die darauf folgende Flucht des Gauleiters durch Ortschaften und Wälder im sächsischen Süden endete am 16. Mai im erzgebirgischen Tellerhäuser, wo ihn der frisch eingesetzte SPD-Bürgermeister aus dem nahen Oberwiesenthal festnahm. Am nächsten Tag stellte ein KPD-Funktionär den entmachteten Herrscher auf einem Denkmalsockel des Annaberger Marktplatzes zur Schau, dann verfrachtete ihn der sowjetische Geheimdienst nach Chemnitz, um ihn schließlich am 28. Mai nach Moskau auszufliegen.

Dort sei der herzkranke Häftling vergleichsweise schonend behandelt worden, erklärt Schmeitzner. "Die Vernehmer erhofften sich von ihm internes Wissen über die NS-Führung und wollten, dass er bis zum Prozess überlebt." Moskau zeigte wenig Interesse an tragfähigem Beweismaterial. Von Leipziger NS-Gegnern erhielt die Besatzungsmacht immerhin Hinweise zu Verbrechen Mutschmanns, ansonsten stützten sich die Ermittler fast nur auf Aussagen inhaftierter NS-Funktionäre, die der Gauleiter Jahre vorher aus dem Weg geräumt hatte und die sich nun revanchierten. "Bei einem rechtsstaatlichen Verfahren und gründlichen Ermittlungen hätte man stichhaltigeres Material zusammentragen können", betont der Historiker.

Die Sowjets wollten ihren Häftling vor das Internationale Militärtribunal in Nürnberg bringen, was die Westalliierten ablehnten, weil der Delinquent im System keine zentrale Rolle ge- spielt hatte. Am Ende entschied sich das Stalin-Regime, Sachsens Hitler in Moskau vor ein Militärgericht zu stellen und die Sache geheim zu halten. Es erschienen weder Zeugen noch ein Ankläger, Ex-König Mu erhielt auch keinen Anwalt. "Er hat", so stellt der Buchautor fest, "keine Reue gezeigt, sich aber durchaus geschickt zu verteidigen versucht und seine Rolle verniedlicht."

Drei Stunden nach Beginn der Verhandlung fiel das Urteil. Es beinhaltete auch den Terror gegen deutsche Demokraten, konzentrierten sich aber auf Verbrechen gegen die Sowjetunion wie den Angriffskrieg der Wehrmacht sowie das Elend der russischen Gefangenen und Zwangsarbeiter in Sachsen. "Als ich die Akte las, habe ich fassungslos festgestellt, dass der Holocaust, bei dem Mutschmanns staatlicher Apparat intensiv mitgewirkt hatte, bei der Gerichtsentscheidung keine Rolle spielte. Bei den Ermittlungen war das Thema noch behandelt worden", sagt Schmeitzner. Unberücksichtigt blieb im Urteil auch die Euthanasie - obwohl der Häftling sich in einer Vernehmung zur Tötung Behinderter bekannt hatte: "Diese 10 000 Geisteskranken waren hinsichtlich ihrer Versorgung mit Lebensmitteln Ballast für das Deutsche Volk", hatte er erklärt und völlig ungeniert erzählt, wie er sich durch eine Glasscheibe die Vergasung geistig Behinderter in der Anstalt Pirna-Sonnenstein angeschaut hatte. "Ich kann das nicht als Verbrechen betrachten", gab er zu Protokoll.

Der Angeklagte wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt und am 14. Februar 1947 hingerichtet. "Der Geheimprozess gegen Mutschmann", so resümiert der Wissenschaftler, "entsprach keinen rechtsstaatlichen Normen. Aber daran, dass er vor Gericht gehörte, besteht kein Zweifel. Auch vor Militärgerichten der Westalliierten sind Gauleiter zum Tode verurteilt worden."

Handwerkersohn Martin Mutschmann (1879-1947) wuchs in Plauen auf, wo er einen mittelständischen Betrieb gründete und sich als Antisemit hervortat. 1922 trat er in die NSDAP ein, die er auch finanziell unterstützte, 1924 besuchte er Hitler während dessen Haft in der Festung Landsberg. Ein Jahr später stieg Mutschmann zum Gauleiter der sächsischen NSDAP auf, nach 1933 wurde er außerdem sächsischer Reichsstatthalter und Ministerpräsident. Als Reichsverteidigungskommissar reichten seine Befugnisse ab 1939 bis nach Thüringen, Sachsen-Anhalt und ins Sudetenland.

Am 16. Mai 1945 wurde er festgenommen, am 30. Januar 1947 in einem Moskauer Geheimprozess verurteilt und 15 Tage später hingerichtet. Seine Frau Minna (1884-1971) wurde im Mai 1945 wegen NS-Verbrechen verhaftet, 1950 in einem der Waldheim-Prozesse verurteilt. 1955 kam sie frei, zwei Jahre später zog sie in den Westen. Vom Verbleib ihres Mannes erfuhr sie bis zu ihrem Tod nichts.

 

Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten, 26.09.2011

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