10.12.2011 / Jena / Zwickau / Deutschland

Endlich interessiert sich die Öffentlichkeit für das umtriebige „Freie Netz“, dieses Sammelbecken Freier Kräfte aus dem neonazistischen Spektrum in Sachsen, Thüringen und Teilen Bayerns. Längst expandiert das Geflecht in weitere Bundesländer, doch über die Hintergründe und internen Strukturen ist wenig bekannt. Auch nicht die Tatsache, dass einige der Wortführer des „Freien Netzes“ zum Sympathisantenkreis der „Hammerskin Nations“ (HSN) zählen.

Einer seiner  Gründer, Maik Scheffler aus Delitzsch, sowie Thomas Gerlach aus Meuselwitz und der ehemalige Thüringer Tony Gentsch aus Hof werden dazu gerechnet.

Gerlach postet auch schon mal mit einem Shirt und der Aufschrift „Hammerskins Sachsen“. Inzwischen ist der Multifunktionär der Szene ins Visier der Fahnder im Zusammenhang mit den Verbrechen der „Zwickauer Zelle“ geraten. Tatsächlich gehörte der Neonazi, der sich mal „Gruppenführer einer freien Gruppe im nationalen Widerstand“ nannte, nicht nur dem „Thüringer Heimatschutz“ mit an, wie es heißt, sondern soll auch in Zwickau sehr aktiv gewesen sein.

Untergrundstrukturen des „Blood&Honour“-Netzwerks

 

Die sächsische Stadt galt als Versuchsfeld ostthüringischer Freier Kräfte, es entstand das „Freie Netz Zwickau“. Dort soll er auch Mandy Struck aus Johanngeorgenstadt kennengelernt haben, immerhin benutzte „Ace“, so Gerlachs Spitzname, ihren Namen bereits vor sechs Jahren als Passwort für die später gehackten Foren „HatecoreTK“ und „Mitteldeutscher Gesprächskreis“. Die junge Frau steht inzwischen im Verdacht, der mutmaßlichen Rechtsterroristin Beate Zschäpe Ausweispapiere zur Verfügung gestellt zu haben. 

2009 begrüßte „Ace“ auch seinen langjährigen Mitstreiter Ralf Wohlleben aus Jena beim Überbau „Freies Netz“ mit den Worten: „Heil Wolle!“. Gemeinsam mit André Kapke hatten Gerlach und Wohlleben das „Fest der Völker“ in Jena, Altenburg und Pößneck aufgezogen. Rechtsrock-Bands, die dem „Blood&Honour“-Spektrum zugerechnet werden, spielten dort auf. Scheffler und viele andere Mitstreiter aus den Reihen des „Freien Netzes“ sorgten 2009 für den Ordnerdienst.

Bundesweit erwarben die „Hammerskins“ in den letzten Jahren Immobilien unter anderem in Grevesmühlen oder im fränkischen Oberprex, die als überregionale Treffpunkte auch für Rechtsrock-Konzerte gelten. Insider vermuten hinter der Expansion deutscher „Hammerskins“ die Übernahme von Untergrundstrukturen des 2000 verbotenen „Blood&Honour“-Netzwerkes. Auch die Streitigkeiten mit dem militanten „Combat 18“-Spektrum scheinen beigelegt, intern lässt die Szene verlauten: „Nie wieder Bruderkampf“.

„Eine blutige Spur und keiner stoppt das Phantom“

 

Die Division Deutschland der internationalen „Hammerskin Nation“ (HSN) mit ihren rund zehn Chaptern gibt es seit 1991. Insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern sind die Anhänger der radikalen „weißen Bruderschaft“ mit ihren Musik- und Konzertgeschäften aktuell aufgefallen. Nicht mehr nur Glatzen zählen zum harten Kern der Truppe, als deren Doktrin die „völkische Identität“ im Vordergrund steht. Auch Frauen, so genannte Schwestern werden aufgenommen. Als Kopf der deutschen Division gilt Malte Redeker aus Ludwigshafen, genannt „Westmark“, Ladenbetreiber und Musikproduzent.

Bei  Hammerskin-Boss Redeker trat auch der niedersächsische Sänger Daniel Giese mit seiner Rechtsrock-Band „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ auf. Die Band sorgte mit ihrem Lied „Döner-Killer“ aktuell für Entsetzen. Lange bevor der rassistische Hintergrund der neonazistischen Mordserie gegen acht türkische und einen griechischen Kleinunternehmer bekannt wurde und der „Zwickauer Zelle“ um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugeordnet werden konnte,  veröffentlichte „Gigi“ das Lied mit Textzeilen wie:  „Neun mal hat er es jetzt schon getan / Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm / Die Ermittler stehen unter Strom / Eine blutige Spur und keiner stoppt das Phantom“.

Es stellt sich die Frage, ob Sänger Gigi womöglich vom rassistischen Hintergrund der neun Morde an Migranten gewusst haben könnte? Auffällig ist, dass Giese auch sang: „Neun mal hat er bisher brutal gekillt / doch die Lust am Töten ist noch nicht gestillt“. Vieles deutet darauf hin, dass es längst szene-intern Mutmaßungen oder Informationen gegeben haben könnte.

PC-Records beim „Fest der Völker“ in Jena

 

Ihren zynischen Song verbreiten „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“ über die Plattenfirma PC Records von Yves Rahmel, der übrigens auch dem „Freien Netz“ nahe stehen soll. Der Neonazi betreibt sein Geschäft von einem Betonwürfel im Chemnitzer Plattenbaugebiet aus. Kürzlich erwarb er zudem ein größeres Haus, das frisch renoviert und mit Solartechnik angereichert, als neues nationales Zentrum in der Region dienen soll.

Auch im Szene-Forum „Thiazi.net“ tummeln sich die User „PC Records“ und „Westmark“ (wahrscheinlich Redeker) gemeinsam und tauschen Interna unter anderem über die „Crew 38“, eine Supporter-Organisation der internationalen „Crossed Hammers“, aus. Bereits 2005 warb PC Records bei dem von Andre Kapke und Ralf Wohlleben organisierten europäischen Szene-Event „Fest der Völker“ in Jena mit einem riesigen Transparent auf der Bühne.

Soli-Konzert für Sven Krüger in Jamel

 

Im Schatten der Enthüllungen um die Blutspur des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) durchsuchten Fahnder Ende November 2011 auch die Wohnung und ein Depot des Berliner Sängers Peter Brammann von der  Rechtsrock-Band „Deutsch Stolz Treue“ in Berlin-Kreuzberg und Velten und beschlagnahmten Tausende von CDs. Brammann, der sich schon mehrfach vor Gericht verantworten musste und seine Gruppe gelten längst als Hammerskin-nah. Seine Brüder besuchten gemeinsam mit anderen Berliner Neonazis Ende Juli 2011 ein Soli-Konzert für den inhaftierten Neonazi Sven Krüger in Jamel.

Im Zusammenhang mit den neonazistischen Verbrechen der Zwickauer Terrorzelle NSU und ihren Verstrickungen fielen bereits die Namen der militanten, in der Bundesrepublik verbotenen Organisation „Blood&Honour“, als auch der äußerst im Verborgenen agierenden „Hammerskin Nations“. Doch deren konspirative Aktivitäten scheinen jahrelang von den Behörden vernachlässigt worden. Jetzt wird die Truppe mit dem Logo der gekreuzten Hämmer Medienberichten zufolge mit dem 1998 abgetauchten Mörder-Trio in Verbindung gebracht. Bereits 1993 gründete sich die „Hammerskin Sektion Sachsen“ und gab die Szenezeitschrift „Hass-Attacke“ heraus. 2002 wurde der damalige Anführer, Mirko Hesse, als V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz enttarnt.

Auch um Hammerskin-Fan Thomas Gerlach ranken sich jetzt wilde Gerüchte. Die einen warten auf seine Verhaftung, aber nichts passiert. Dabei soll der Neonazi zur Zeit viel unterwegs sein. Gerlach selbst streute wohl im Internet die Vermutung überwacht zu werden. Und dennoch reist der Neonazi unbehelligt durch die alten Bundesländer? Das animiert scheinbar einige Kameraden, zu vermuten, Gerlach selbst könnte ein Spitzel sein.

 

Quelle: Blick nach Rechts | www.bnr.de, 10.12.2011

« zurück