31.01.2008 / Pirna Fetscher war keinesfalls Rassist, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme des Dresdner Instituts für Geschichte der Medizin.

m Namensstreit um Pirnas linkselbisches Gymnasium schaltet sich jetzt noch einmal die Universität Dresden ein. Dr. Marina Lienert vom Institut für Geschichte der Medizin erörtert in einer Stellungnahme, dass die gegen Rainer Fetscher erhobenen Vorwürfe, er sei ein Rassist gewesen und hätte Menschen zwangssterilisiert, aus ihrer Sicht unhaltbar seien. Sie seien viel zu pauschal und ließen den Sinneswandel Fetschers völlig außer Acht.

Oberbürgermeister Markus Ulbig (CDU) stellte den Stadträten auf ihrer Sitzung am Dienstagabend die drei Seiten umfassende Stellungnahme vor. Fetscher stehe eine ebenso differenzierte Beurteilung zu wie Graf von Stauffenberg, dessen Leben zurzeit von Hollywood verfilmt wird, heißt es in dem Papier. Auch Stauffenberg hatte sich mit dem Nazi-Regime arrangiert.

„Fetscher hat sich wiederholt und dezidiert von rassistischen Äußerungen distanziert und darauf bestanden, dass es aus wissenschaftlicher Sicht keinen Wertunterschied zwischen den verschiedenen Menschenrassen gäbe und auch sogenannte ,Rassenmischlinge‘ nicht per se minderwertig seien“, schreibt Marina Lienert. Es sei darüber hinaus zwar richtig, dass Fetscher während seiner Tätigkeit in der Dresdner Ehe- und Sexualberatungsstelle am Sternplatz Sterilisationen empfohlen habe. Dies sei aber nach dem freien Willen der Patienten und nach sorgfältiger Abwägung des Einzelfalls geschehen. Die Behauptung, Fetscher habe selbst 65 Sterilisierungen vorgenommen, sei „schlichtweg falsch und eine Verleumdung“, so die Historikerin. Eine schuldhafte Verstrickung Fetschers in Zwangssterilisierung und Euthanasie sei nicht zu konstruieren. Vielmehr habe er als niedergelassener Arzt ab 1935 Bedürftige „ohne Ansehen der Person und unter Hintanstellung des eigenen Wohls“ behandelt – auch Juden. Und das als „einer der ganz wenigen deutschen Ärzte in jener Zeit“ überhaupt. Daraus resultiere die große Verehrung, die ihm Zeitgenossen entgegenbrachten.

Sie sehe Fetscher durchaus nicht als Helden, sagt Marina Lienert auf SZ-Nachfrage, sondern als Person mit vielen Widersprüchen. Gerade deshalb halte sie es durchaus für richtig, dass ein Gymnasium seinen Namen trägt. „Man ist immer gezwungen, sich damit zu beschäftigen und Stellung zu beziehen.“

Christine Ullrich, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Rainer-Fetscher-Gymnasium in Pirna, begrüßt die Stellungnahme der Medizinhistorikerin. Sie hofft, dass die Namensentscheidung für das Gymnasium, das im Moment Friedrich Schiller heißt, bald zugunsten Fetschers ausfallen werde. Die Forschungen zu seiner Person, betont die Uni Dresden, sollen auf jeden Fall weitergehen. (
Von Christian Eißner)

Quelle: Sächsische Zeitung, 31.01.2008

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