08.06.2011 / Sachsen

Für die Ankündigung, künftig mehr zur NS-Zeit und weniger zur DDR zu forschen, ist das Dresdner Arendt-Institut in die Kritik geraten. Ex-Bürgerrechtler wie Arnold Vaatz befürchten, dass die SED-Herrschaft aus dem Blick gerät. Institutschef Günther Heydemann weist das zurück.

 

Herr Professor Heydemann, ist die DDR gut erforscht?

 

Das ist sie in der Tat. Wir haben 20 Jahre intensiver Erforschung der DDR auf nationaler und internationaler Ebene hinter uns, mit staatlicher Förderung. Es gab – anders als nach 1945 – ein hohes öffentliches Interesse daran, die zweite Diktatur in Deutschland aufzuarbeiten. An der Erforschung auch der Frühzeit der sowjetisch besetzten Zone hat das Hannah-Arendt-Institut massiv mitgewirkt.

 

Sie haben eine Schwerpunktverlagerung angekündigt und wollen sich stärker dem Nationalsozialismus widmen. Das hat Kritik bei Bürgerrechtlern ausgelöst. Trifft Sie das?

Ja. Weil der Vorwurf, ich wollte die DDR-Forschung marginalisieren oder mich vom Gründungsgedanken des Instituts entfernen, falsch ist. Wir haben laut Satzung die Aufgabe, Strukturen von SED-Regime und NS-Diktatur zu untersuchen. Das haben wir bislang schwerpunktmäßig, etwa zu 80 Prozent, mit Blick auf die DDR getan und werden das auch weiter tun.


Die DDR-Forschung wird also nicht an den Rand gedrängt?

Nein, das können wir schon wegen unserer Satzung nicht. Man muss aber auch sagen: Die DDR ist besser erforscht als die alte Bundesrepublik. Daraus muss man Konsequenzen ziehen. Deshalb verlagern wir den Schwerpunkt etwas mehr auf die NS-Zeit. Da gibt es wissenschaftliche Defizite. Zudem entspricht es der historischen Tatsache, dass die zweite deutsche Diktatur aus der ersten hervorging. Wir müssen die Verbindungen untersuchen. Auch der Vergleich von rechts- wie linkstotalitären Diktaturen ist eine Hauptaufgabe unseres Institutes.

In der Öffentlichkeit wird DDR-Forschung meist mit Stasi-Forschung gleichgesetzt. Warum?

Das Ministerium für Staatssicherheit war im Westen, anders als im Osten, weitgehend unbekannt. Deshalb haben sich Wissenschaftler in den ersten zehn bis 15 Jahren nach der Wende intensiv damit befasst. Hinzu kam die Notwendigkeit solcher Forschungen aufgrund der vielen Opfer der Stasi. Mittlerweile wird die SED als eigentlicher Machtträger stärker ins Visier genommen. Zudem befassen wir uns mit Alltags- und Sozialgeschichte.

Was untersuchen Sie dabei?

Ein Beispiel: Wir haben eine Studie über den Zoll herausgebracht. Zöllner wurden doppelt von der Stasi überwacht. Die Kontrolleure wurden sozusagen nochmals kontrolliert. Jüngst haben wir eine Studie zum Thema Schwarzwohnen in der DDR veröffentlicht.

Sie hatten unlängst polemisch gesagt, dass eine Studie über Widerstand der DDR-Friseure in Schwerin wenig hilfreich sei. Verstehen Sie, dass Ex--Bürgerrechtler darüber erzürnt sind?

Nein, ich will damit nur sagen, dass man sich nicht so sehr verzetteln sollte. Jeglicher Widerstand ist verdienstvoll gewesen. Die Resistenzforschung, also Arbeiten zum Widerstand, ist stark ausgeprägt. Bis hinunter auf lokale Ebenen gibt es dazu etliche Studien.

Der CDU-Politiker Vaatz hat die Prüfung staatlicher Mittel für das Institut angeregt. Begründung: Sie entfernen sich von Ihrem Gründungsgedanken.

Ich will das nicht kommentieren, zumal wir nach wie vor satzungsgetreu arbeiten. Zudem habe ich den Kurs nicht allein bestimmt. Er ist von den Institutsgremien debattiert und schließlich einstimmig beschlossen worden.

Was wollen Sie zur NS-Geschichte in Sachsen erforschen?

Das Problem ist: Es gibt sehr gute Arbeiten zu Einzelaspekten. Aber es liegt nichts Flächendeckendes vor. Wir arbeiten strukturell von den Zwanziger- bis in die Sechzigerjahre hinein. Untersucht wird dabei die Entwicklung des Nationalsozialismus im industrialisierten Sachsen, das einst SPD-Hochburg war. Wir untersuchen die Rolle von Kreisleitern der NSDAP und parallel auch die von SED-Kreissekretären. Der Vergleich gibt Aufschluss über das Wesen von Diktaturen.

Gibt es Kontinuitäten zwischen den beiden Systemen, die bislang unbekannt waren?

Es gibt Indizien dafür. Aber da stehen wir am Anfang. Wir wollen dem nachgehen, wie aus einer Diktatur eine andere werden konnte.

Werden Sie sich auch mit dem für Dresden wichtigen 13. Februar 1945 befassen?

Dazu hat das Institut schon vieles geleistet, etwa die Mitarbeit am Abschlussbericht der Historikerkommission, der im vergangenen Jahr vorgelegt wurde.

Das Gremium hat nachweisen können, dass maximal rund 25000 Menschen bei den Bombenangriffen starben, von rund 20000 kennt es die Namen – etwa aus Archiven. Sie wurden nicht veröffentlicht. Zu Recht?

Erinnerungsmäßig wäre eine Veröffentlichung nicht schlecht. Ich frage mich aber, was passiert mit denen, die nicht identifiziert werden konnten und nicht auf der Liste stehen? Es gab Tote, deren Namen wir nicht mehr kennen. Die werden in gewisser Weise zu Opfern zweiter Klasse. Das halte ich für problematisch. Deshalb bin ich beim Thema Veröffentlichung eher etwas skeptisch.

Das Gespräch führte Thilo Alexe

 

Quelle: Sächsische Zeitung, 08.06.2011

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