08.02.2013 / Dresden

Lange Zeit hatte Dresden einen sehr markanten Ort, der an die Bombardierungen vom 13. bis 15. Februar 1945 erinnerte. Die Ruine der Frauenkirche war ein weithin bekanntes Zeichen, das zweierlei auf den Punkt brachte. Zum einen das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs – das nationalsozialistische Deutschland hatte verloren. Zum anderen die Intensität, mit der Nationalsozialismus und deutsche Gesellschaft eine Verbindung eingegangen waren.

Sämtliche gesellschaftlichen Institutionen, darunter die evangelische Kirche, waren korrumpiert und in die Volksgemeinschaft überführt worden.

Spätestens mit Kriegsbeginn 1939 hatte sich die Frage erübrigt nach einem „anderen Deutschland“, das sich dem Nationalsozialismus verweigerte. Stattdessen hatten sich die Deutschen dem „totalen Krieg“ verpflichtet, dem „Führer“ Treue bis in den Tod geschworen, bis April 1945 ihre „Vergeltungs“-Raketen auf westeuropäische Städte abgeschossen und bis zuletzt die Vernichtung von Juden und anderem „unwertem“ Leben fortgesetzt. Angesichts eines solchen Gegners fiel die Reaktion der Alliierten – wie die Bombardierung Dresdens zeigt – wenig zurückhaltend aus.

Weder die Niederlage noch die Verantwortung für Nationalsozialismus und die antisemitisch-rassistischen Verbrechen war die Mehrheit der Deutschen bereit, anzuerkennen. Die Niederlage ließ sich jedoch nicht leugnen. Daher flüchteten sie sich nur zu gerne in einen Opfermythos, der es erlaubte, die Täterrolle zu bemänteln und Schuldfragen auszuweichen.

Auch Dresden und insbesondere die Frauenkirchen-Ruine waren Orte, mit denen diese Übernahme des Opferstatus untermauert wurde. Sie standen fortan für die Wunden der Deutschen und waren prädestinierte Stätten für entsprechende Opferinszenierungen. Eigentlich sollte diese Deutung jedoch nur Übergangslösung sein. Der Wiederaufbau, eine frühzeitig geäußerte Forderung, würde beide Probleme noch viel grundsätzlicher lösen: Mit der Wiederherstellung der Bausubstanz könnte der Umweg über den Opfermythos ausgespart bleiben. Nationalsozialismus? Krieg? Bombardierung? Hat es bei uns nicht gegeben! Damit haben wir nichts zu tun! Das wären die folgerichtigen Antworten. Doch bis es so weit sein sollte, gingen noch ein paar Jahrzehnte ins Land. Erst das Ende der DDR und die Wiedervereinigung brachten den Wiederaufbau der Frauenkirche zurück auf die Tagesordnung.

Der „Ruf aus Dresden“, der den Wiederaufbau der Frauenkirche einläutete, war zugleich Startschuss für einen Rekonstruktionsmarathon in der Dresdner Altstadt, der bis heute anhält. Detailgetreu werden seitdem rund um den Neumarkt Fassaden des „alten Dresden“ imitiert, intakte und bewohnte DDR-Bauten zur Disposition gestellt und ihr Abriss gefordert. Die Innenstadt gleicht einem großen Museumsdorf. Das beflügelt nicht nur das Tourismusgeschäft, es verschleiert zugleich jeden historischen Bezug zum Nationalsozialismus und dessen Niederschlagung.

Das mag die Fraktion der Barockfreunde glücklich stimmen, bereitet aber – was nur scheinbar paradox klingt – dem Gedenken an den 13. Februar ernste Probleme. Dass hier Krieg war, dass Dresden Ort eines „Kriegsverbrechen“ gewesen sein soll, ist zumindest anhand der baulichen Substanz nicht mehr zu erkennen. Je mehr Dresden wiederaufgebaut wurde und wird, umso mehr verliert die Stadt ihre Opferidentität. Da diese aber über die Jahrzehnte zentral für das lokale Selbstverständnis geworden ist, braucht es eine Form der Kompensation. Und Dresden kann beides miteinander vereinen: um Spenden zur Schließung der „Wunden Dresdens“ bitten und gleichzeitig den Opferstatus bis in alle Zukunft verlängern, auf dass niemand das Leid der Dresdner in Zweifel ziehe.

Die Lösung scheint einfach: Ein zentrales Mahnmal muss her. Seit Jahren geistert die Forderung durch die öffentlichen Debatten. Dass bereits zahlreiche Denkmale existieren und auch in den zurückliegenden Jahren einige neue hinzugekommen sind, spielt demgegenüber keine Rolle. Dabei bieten gerade sie genug Anlässe zur Diskussion, denn auch sie befördern nahezu ausschließlich die Dresdner Opfer-Identität. So wie das erst 2010 eingeweihte Denkmal „Tränenmeer“ auf dem Heidefriedhof: ein trauerndes Mädchen mit verschränkten Armen vor einem Wasserbecken, in dem ihre Tränen aufgefangen werden. Gewidmet ist das Denkmal den „Opfern des 13. Februar 1945“. Die Bronzeplastik greift ein gängiges Motiv des Gedenkdiskurses auf: die unbestreitbare Unschuld der Kinder, die Leben oder Angehörige verloren haben. Das lässt die Bombardierung besonders monströs und verächtlich erscheinen und appelliert vor allem an die Emotionen der Betrachter. Für historische Erkenntnis bleibt kein Platz. Und so wird nicht gefragt, welche Verantwortung die (erwachsenen) Deutschen übernehmen müssen und wieso sie Nationalsozialismus und Angriffskrieg mitgetragen haben. Das Motiv des unschuldigen Kindes überlagert die Erinnerung, seine Unschuld wird auf alle Bombentoten verallgemeinert. Zurück bleibt entweder die mehr oder weniger anklagend vorgebrachte „Gewissheit“, die Alliierten hätten sich genauso schuldig gemacht wie die Deutschen. Oder aber der Zweite Weltkrieg wird zum Dickicht individueller Leidenserfahrungen, das schlicht undurchschaubar sei.

Das hierauf bekenntnishaft vorgetragene „Nie wieder!“ klingt entsprechend hohl. Wo sich eine Auseinandersetzung mit der Geschichte in der Feststellung erschöpft, dass es Leid gab, kann so ein Bekenntnis nur beliebig und damit ohne Konsequenzen sein. Dass Körper und Arme der „Tränenmeer“-Figur eine christliche Kreuzform bilden, ist nur folgerichtig. Die Toten, denen man gedenkt, werden zu Opfern, die eine Schuld gesühnt hätten. Diese nachholende religiöse Sinn- und Versöhnungs-Gebung denkt den Menschen als passiv und lediglich einem göttlichen Plan folgend, ohne tatsächliche Einflussmöglichkeit.

Unkonkret wird es auch bei der 2009 eingeweihten Erinnerungsstelle auf dem Altmarkt, allerdings nur an bestimmten Punkten. Die Zahl der 1945 hier nach ihrer Bergung verbrannten Bombentoten ist mit 6865 klar benannt. Doch wo sich eine zusätzliche Tafel um die Einordnung der Ereignisse müht, wird es schon unpräziser: „Dies ist ein Ort der Mahnung, des Erinnern und des Gedenkens. Hier wurden die Leichname Tausender Opfer der Luftangriffe des 13. und 14. Februar 1945 verbrannt. Damals kehrte der Schrecken des Krieges, von Deutschland aus in alle Welt getragen, auch in unsere Stadt zurück.“

Die Opfer zu benennen, fällt nicht schwer, anders verhält es sich jedoch mit den Tätern: Die Deutschen als Kriegführende finden keine direkte Erwähnung. Stattdessen scheint der Krieg eine Art Eigenleben zu entwickeln. Er nahm seinen Anfang in Deutschland, verbreitete sich und kehrte schließlich wieder zurück. Betroffen sind dann alle gleichermaßen. Eine Darstellung, die nicht realitätsgerecht ist. Die militärischen Handlungen zur Niederschlagung des Nationalsozialismus sind nicht mit dem rassistischen Vernichtungsfeldzug der Deutschen vor allem im Osten gleichzusetzen. Dieser Krieg kehrte eben nicht zurück, wie es im Tafeltext heißt, weil allein die Deutschen solch einen Vernichtungskrieg führten, nicht aber die Alliierten. Auch wenn das heutige Nazis behaupten, wenn sie vom „Bombenholocaust“ sprechen.

Neben diesen Denkmalen jüngeren Datums existieren weitere, deren Aussagen teilweise nicht weniger fragwürdig sind. Da wäre etwa die Trümmerfrau am Rathaus, die namenlose Bronzeplastik von Wieland Förster mit der inhaltsleeren und kontextfreien Inschrift „Dresden mahnt“ am George-Treu-Platz, die 2006 neu eingeweihte Gedenkanlage auf dem Alten Annenfriedhof mit dem Obelisk und der ebenfalls kontextlosen Aufschrift „Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war“.

Hinzu kommen weitere Mahnmale und ungezählte Gedenkplaketten etwa an wiederaufgebauten Häusern. Völlig unverstellt revanchistisch aber ist die Botschaft des Gedenksteins in Dresden-Nickern: „Den Opfern des anglo-amerikanischen Bombenterrors.“ Zwar schon zu DDR-Zeiten entstanden, ist dies gleichwohl die originär nationalsozialistische Perspektive auf den 13.Februar. So nimmt es nicht Wunder, dass der Gedenkstein regelmäßig von Nazis frequentiert wird.

Es herrscht also wahrlich kein Mangel an Mahnmalen. Und es wäre allmählich an der Zeit, so manche darauf festgehaltene Aussage kritisch zu beleuchten sowie die Gedenkpraxis, für die diese Mahnmale Ausdruck sind, zu hinterfragen. Doch während nur ein Teil der Öffentlichkeit bereit ist, solche Kritik zuzulassen und zu reflektieren, versucht die bürgerlich-konservative Mehrheit, „ihr“ Gedenken mit einem weiteren Objekt ins rechte Licht zu rücken: einem neuen Denkmal in der Busmannkapelle mit den 19000 bekannten Namen von Bombentoten – wohl der deutlichste Ausdruck für den nach wie vor geschichtsrevisionistischen Gehalt des Opfermythos.

Von der Dresdner FDP Mitte 2010 vorgeschlagen, unterstützen auch CDU und Kriegsgräberfürsorge die Idee. Auch ihnen gelten die Bombentoten ausnahmslos als Opfer. Keine Rolle spielt etwa, dass sich unter den Toten die Namen einiger Juden, Zwangsarbeiter und politisch Verfolgter befinden. Keine Rolle spielt, dass viele der Namen zu Menschen gehören, die deren Verfolgung unterstützten, guthießen oder einfach hinnahmen. Im Oktober hat der Stadtrat nun mit den Stimmen von CDU, FDP, Bürgerfraktion und NPD entschieden, die Denkmalidee an das bereits bestehende Projekt Busmannkapelle anzugliedern.

Dieser Drang zum Denkmal ist Ausdruck einer Gedenkpraxis, die ihren Ausgangs- wie auch Endpunkt im „Leid Dresdens“ findet und dieses eindrucksvoll zementieren will. Als 2010 in London ein Erinnerungsort zu Ehren britischer Bomberpiloten diskutiert wurde, sagte Dresdens Oberbürgermeisterin: „Ich finde es befremdlich, dass nach all diesen Jahren jetzt ein Denkmal errichtet werden soll. Ich halte diesen Schritt für rückwärtsgewandt.“ Eine bemerkenswerte Sicht in einer Stadt mit einer solchen Denkmalsdichte. Aber in Dresden scheinen viele zu glauben: Man mag den Krieg verloren haben, im Kampf um die Erinnerung aber wird sich dieser Fehler nicht wiederholen.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, 08.02.2013

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