20.11.2012 / Pirna

Der erste Herbst in Deutschland. Seit Stunden trommelt Regen an die Scheiben, die Welt vor dem Fenster zerfließt in trüben Schlieren. An den November muss sich Mike Mika noch gewöhnen, aber die Farben kommen ihm bekannt vor. Grau, schwarz, unheimlich, genauso sehen seine Albträume aus. Sie sind im Wohnzimmer verteilt, Dutzende Leinwände, auf die er mit dem Pinsel seine Vergangenheit gebannt hat.

Mike Mika erzählt Geschichten von gequälten Seelen und zerrütteten Familien. Von vergewaltigten Frauen, die um ihre verlorene Ehre weinen, und von Kindersoldaten, die mit Maschinengewehren Krieg führen.

 

Ein bisschen Zauberei

Afrika, seine Heimatstadt Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo, das alles liegt Tausende Kilometer entfernt. Die Welt von Mike Mika sieht jetzt ganz anders aus. „So ordentlich“, sagt der 35-Jährige. „Hier läuft alles so geregelt ab.“ Seit einem halben Jahr lebt er mit seiner Freundin Katja und der kleinen Tochter in Dresden. Kennengelernt hat sich das Paar 2010 in Südafrika. Die studierte Psychologin suchte Erfahrungen in der Ferne und arbeitete beim Internet-Portal Amazon in Kapstadt. Mike Mika war mit Mitte 20 gen Süden aufgebrochen, nach dem Bürgerkrieg im Kongo wollte er Ruhe finden und vergessen. Sie verliebten sich: Katja, die schmale Deutsche, und Mike, ein großer Mann mit Rastazöpfen, der gern lächelt, wenn er in Gesellschaft ist.

Er hat in Bars gearbeitet und sich in Dresden eine Weile als Koch verdingt. Am liebsten aber würde er von seiner Malerei leben. Künstler, das wollte er immer werden, seit er seinen Großvater beobachtet hat, wie er aus Holzstämmen Skulpturen haute. „Er hat afrikanische Masken gemacht, viel Traditionelles, ein bisschen Zauberei“, sagt er. „So ist das bei uns in Afrika.“

Auch zu ihm gehören die Geister. Böse Geister, die mit Mike Mika auf dem Sofa der ordentlichen Reihenhauswohnung im Dresdner Zentrum sitzen und ihm die Ruhe nehmen. Er hat sich in Deutschland eingerichtet, so gut es geht. Gerade hat er einen Sprachkurs begonnen und übt die ersten Sätze. Bis ihm die deutschen Vokabeln leichter von den Lippen kommen, unterhält er sich mit seiner Freundin auf Englisch. Andere Sachen werden noch länger fremd bleiben. Fünf Freunde hat Mike Mika, sie leben weit weg im Kongo, aber man hält Kontakt via Facebook. „Einsam fühle ich mich schon manchmal“, sagt er. Wenn er allein ist, dann erscheinen oft die Bilder der Kindersoldaten. Jungen und Mädchen, die aus Dörfern verschleppt, mit Drogen, Alkohol und Voodoo-Zauber gefügig gemacht und zum Dienst in Rebellen-Armeen gezwungen werden. Mike Mika zieht seinen Laptop heran, öffnet Ordner und eine Foto-Flut, Beweise aus dem Kongo: Jungen halten Waffen, die größer sind als sie selbst. Frauen werden die Leiber aufgeschnitten, weil ihre Vergewaltiger sie geschwängert haben.

 

Auf dem Sofa mit Geistern

Es ist die Geschichte seines Landes, und auch er hat einen Platz darin. Davon will er nicht erzählen, davon malt er lieber. Der Pinsel stand ihm immer schon am nächsten. Seine Geschichte hinterlässt Fragen, die Antworten verschiebt er auf seine Leinwände. „Wenn ich allein in der Wohnung sitze und die Gedanken kommen, dann muss ich sie wegmachen“, sagt er und stößt die Arme weit von sich, als könnte er damit auch die Geister vertreiben. Immer, wenn sie auftauchen, geht er auf den Balkon, holt seine Farben heraus und malt. Geld für ein Atelier hat Mika nicht. Den ganzen Sommer hat er im Freien gestanden und seinen düsteren Erinnerungen aufs Papier gebracht. Erst in Pirna, wo das Paar vorübergehend in einer kleinen Wohnung lebte. „Dort war es seltsam“, sagt er. „Keine gute Stimmung.“ Inzwischen ist die Familie nach Dresden gezogen. „Weil die Stadt weltoffener ist“, sagt seine Freundin Katja.

Wenn Mika jetzt auf dem Balkon steht und nach unten schaut, sieht er Einkaufsstraßen und Werbelichter – Kontrastprogramm zu seinen Bildern. „Afrikanische Wahrheiten“ hat er sie genannt, Ende des Monats werden sie das erste Mal bei einer Ausstellung in Pirna gezeigt. „Ich möchte den Leuten hier die Wahrheit über Kindersoldaten erzählen“, sagt Mika. „Sie sollen wissen, was in Afrika passiert.“ Im Kongo war er seit zehn Jahren nicht. „Vielleicht bald“, sagt er, und es klingt ungewiss. Heimat, so nennt er sein Land immer noch. Aber auch einen Ort, an dem ihm die Menschen fremd geworden sind.

Die Ausstellung „Afrikanische Wahrheiten“ von Mike Mika wird vom 27.November bis 19.Dezember im Grünen Laden auf der Schloßstraße4 in Pirna gezeigt. Geöffnet ist Montag bis Donnerstag von 10.30Uhr bis 17Uhr.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, 20.11.2012

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