Das große WIR kann mehr als das kleine ich. Aber ohne kleines ich, kein großes WIR!
Toni Schönberger & Tine Heynatz aus Dresden / Greifswald
Weiße Masken, braune Gesinnung
04.02.2012 / SachsenSie nennen sich "Die Unsterblichen", tragen weiße Masken, ziehen nachts mit Fackeln durch Städte, demonstrieren gegen Demokratie und "Volkstod" - auch in Sachsen. Eine Razzia Mitte Januar sollte diesen lose zusammengeschlossenen Rechtsextremen einen empfindlichen Schlag versetzen. Doch diese Strategie scheint nicht aufgegangen zu sein. Bei einem Treffen am vergangenen Sonnabend kamen Kräfte der Gruppierung zu einer Feier zusammen. Nun verhöhnen sie die Sicherheitsbehörden im Internet.
Die Menge weißmaskierter Menschen sitzt an Tischen, lässt es sich gutgehen, lacht. Deutsche Rockmusik dröhnt aus den Boxen. Es ist der Titel "Du schreibst Geschichte" von Madsen. Die Band ist unverdächtig, Propaganda für Neonazis zu machen, aber ihr Song wurde von der Gruppe okkupiert, die sich "die Unsterblichen" nennt. Madsen singen davon, in der Masse unterzugehen, im Kollektiv etwas bewegen zu können. Der Text passt in das Weltbild der Rechtsextremen, in dem das deutsche Volk ausstirbt und sich die Bevölkerung gemeinsam gegen diese Folge der Demokratie wehren muss. Eine junge Dame tanzt vor der Kamera im Takt dazu, hebt immer wieder Schilder mit einzelnen Wörtern der Liedzeilen hoch. Irgendwann taucht eine Frau mit Angela-Merkel-Maske auf. Sie wird erst von den Maskierten zum Tanz aufgefordert - dann weggestoßen.
Dieses Video erschien dieser Tage auf der Internetseite spreelichter.org. Der Online-Auftritt sieht sich selbst als "Infosystem der Widerstandsbewegung in Südbrandenburg". Es ist ähnlich den sogenannten "Freien Netzen" in Sachsen, mit deren Hilfe Neonazis und Rechtsextreme ihre Weltbilder und politischen Ansichten im Web verbreiten. Die Aufnahmen sind eine Kampfansage an die Sicherheitsbehörden. Sie sind eine direkte Reaktion auf die Razzia, die am 12. Januar in Sachsen, Thüringen und Brandenburg durchgeführt wurde. Rund 44 Wohnungen und Garagen von 41 Verdächtigen wurden damals durchsucht - unter anderem im Leipziger Land, im Muldental sowie in Freiberg und Frankenberg.
Hintergrund war ein illegaler Umzug der "Unsterblichen" in Stolpen in der sächsischen Schweiz. Das Video soll nun dem damals federführenden sächsischen Landeskriminalamt (LKA) zeigen, dass es nicht ernst genommen wird. "Während LKA und Staatsanwaltschaft noch immer damit beschäftigt sind, die beschlagnahmten 250 Fackeln zu zählen, um auch ganz sicher zu sein, dass die ,erfolgreiche Maßnahme im Kampf gegen rechte Aktionsformen' auch wirklich erfolgreich war, trafen sich Aktivisten bei einem Maskenball, um nebenher einmal deutlich zu machen, wie die umstrittene Durchsuchungswelle gegen 41 Personen zu bewerten ist ...", heißt es mit spottendem Unterton im Text auf spreelichter.org, der das Video anmoderiert.
Allein, dass das Treffen stattfand, ist für die Gruppe "Die Unsterblichen" schon Erfolg genug. Tage vorher wurde nur ein "Maskenball" angekündigt. Per Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete sich die Meldung über Sympathisanten. Ein konkreter Ort wurde nicht bekanntgegeben, nur Mitteldeutschland als Region genannt. Mehrere Veranstaltungsorte wurden gestreut. Aus der linken Szene heißt es, dass das Treffen im Großraum Torgau stattgefunden habe. Dies möchten die Sicherheitsbehörden aber nicht bestätigen. Dem Landesamt für Verfassungsschutz liegen nach eigener Aussage derzeit keine Erkenntnisse vor. Innenminister Markus Ulbig (CDU) hatte vor rund drei Wochen noch davon gesprochen, den möglichen Stellenabbau bei der Polizei zu überdenken, um den nächtlichen Spontan-Umzügen Herr zu werden. Die Erkenntnisse sind bisher aber gering: Bekannt ist, dass Neonazis aus Brandenburg und Sachsen als "Unsterbliche" gemeinsame Sache machen. Acht Aktionen der sehr lose verbundenen Gruppierung hat es nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in Sachsen gegeben. Neben Stolpen zogen sie nachts durch Leisnig. Auch in Döbeln wurden sie aktiv, brachten Banner an. Beim Leipziger Faschingsumzug mischten sie sich unter die Narren und entrollten ein Banner. Ähnliches geschah beim Festumzug zur 850-Jahr-Feier in Trebsen.
Die Polizeibeamten sollen sich nun nach Ulbigs Vorstellungen verstärkt auf diese Aktionen einstellen. Bislang haben die Ermittler aber anscheinend keinen Zugriff auf die Szene gefunden. Regionale Schwerpunkte der Aktionen seien bisher nicht zu erkennen, so der Verfassungsschutz: "Wie die Vorgehensweise der an der Aktionsform beteiligten Rechtsextremisten zeigt, muss mit solchen Aktivitäten landesweit jederzeit gerechnet werden."
Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten, 04.02.2012




























































































































