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»Spielt das nicht so hoch!«

31.05.2007 / Wurzen
Es ist nur ein Spiel der C-Jugend, ATSV Frisch Auf Wurzen gegen VfB Fortuna Chemnitz – doch was da am Himmelfahrtstag über den Rasen des Albert-Kuntz-Stadions Wurzen schallt, ist alles andere als harmlos. »Eine U-Bahn bauen wir, von Chemnitz bis nach Auschwitz...« skandieren etwa 30 jugendliche Zuschauer. »Schiri, wink' richtig, sonst ziehen wir dir die Vorhaut runter, du Jude!« heißt es in Richtung des Assistenten von Schiedsrichterin Christine Weigelt, die an diesem Tag die Begegnung in der Kleinstadt bei Leipzig pfeift. »Du Fidschischwein« und »Ausländerschweine«, wird zwei 14-jährigen Jungen beim Einwechseln entgegengegrölt. Als sie Ballkontakt haben, ertönen »affenähnliche Laute«. »Du Judenschwein, fick deine Mutter, denn die ist Jüdin«, muss sich der Torwart aus Chemnitz anhören. Und was sagt der Schiedsrichterbetreuer des »gastgebenden Vereins« nach dem Spiel zur Unparteiischen: »Spielt das nicht so hoch! Solche Gesänge kommen doch bei jedem Fußballspiel vor.«
Die gesammelten Zitate dieser Partie landeten aber dennoch in einem Sonderbericht der Leipziger Schiedsrichterin. Nun liegt das Papier mit weiteren schriftlichen Zeugenaussagen dem Chef der Polizeidirektion Westsachsen, Bernd Merbitz, vor. »Aufgrund des Berichtes ermitteln wir von Amts wegen. Die Kriminalpolizei und der Staatsschutz befassen sich damit«, erklärt er und betont: »Wir nehmen die Sache sehr ernst.«
Was er nicht sagt: Nur durch den beherzten Anruf des Schiedsrichterassistenten Henry Lickfeldt bei der Polizei hat die Sache ein Nachspiel. »Sonst wäre der Vorfall vielleicht, wie so oft, gar nicht bekannt geworden«, meint Martin Endemann vom Bündnis aktiver Fußballfans (BAFF) in Hanau. Sein Verein setzt sich für mehr Toleranz und Fairness unter Fußballfans aller Vereine in Deutschland ein und versucht, jegliche Form von Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen. Er sagt: »Schiedsrichter schauen in solchen Situationen öfters weg, um keinen Ärger zu bekommen.«
Doch diesmal ist es anders. »Schon zu Spielbeginn war die Gruppe, aus der die Rufe kamen, alkoholisiert«, erzählt Schiedsrichterassistent Lickfeldt. »Braune Glasflaschen machten die Runde. In der zweiten Spielhälfte gab es eine längere Spielunterbrechung, weil es einem Zuschauer gelang, mit einer Bierflasche in der Hand zur Chemnitzer Bank vorzudringen und dort Wechselspieler und den Trainerstab anzupöbeln.«

Ganz normaler Spielablauf
Trotz mehrfacher Aufforderung durch die drei Schiedsrichter hätten die Gastgeber keinen sichtbaren Ordnungsdienst gestellt. Nach dem Spiel sei es in der Schiedsrichter-Kabine zu »unglaublichen Szenen« gekommen. »Der Wurzener Schiedsrichterbetreuer Armin Häring wollte einen normalen Spielablauf gesehen haben. Zudem warnte er die Schiedsrichterin vor einem Sonderbericht. Trainer Mäding hat geäußert: ›Wenn du schon etwas schreibst, dann mach es nicht so wild, da der DFB grad eh heiß auf solche Geschichten ist.‹«
Er pfeife seit 1986, doch so etwas habe er noch nicht erlebt, sagt Lickfeldt. Da sei der 2:0-Erfolg für die Gäste völlige Nebensache. Noch vor Pfingsten stellte er Strafanzeige wegen Beleidigung und Nötigung. »Kein Ordnerdienst vorhanden, rassistische Äußerungen und Feuerwerkskörperabschuss durch Wurzener Anhänger«, ist im Spielbericht unter sonstigen Vorkommnissen zu lesen.
Für ATSV-Präsident Heiko Wandel, der, wie er sagt, am 17. Mai nicht auf dem Spielfeld war, stimmt hingegen der Bericht von Christine Weigelt »hinten und vorne nicht. Die Schiedsrichterin war nicht Herrin der Lage. Da wird viel reininterpretiert«, meint er. »So was hat's bei uns noch nie gegeben. Wir werden dargestellt als die reinen Monster. Dabei haben wir selber Vietnamesen und Russen unter den Spielern und machen eine gute Jugendarbeit.« 15 Nachwuchsmannschaften habe der Verein, »und es mangelt an Trainern, weil sich bei uns immer mehr Jugendliche melden.«
Seine anfangs geschilderte Version gegenüber einer Lokalzeitung, bei den Sprücheklopfern handele es sich »um Fremde«, vertritt er nicht mehr. »Es kann schon sein, dass darunter welche aus unserer A- und B-Jugend waren, das wird sich klären.« Nach dem Match hatte sich der Vater eines Spielers beim Trainer und der Mannschaft aus Chemnitz für das Verhalten der Gastgeber entschuldigt.
Präsident Wandel will nun jeden Spieler einzeln zur Rede stellen. Noch für diese Woche berief er einen Elternabend ein. Er findet, dass sich »die Eltern der Jungs, die ausfällig wurden«, fragen sollten, wie groß ihr Anteil an den Vorgängen im Wurzener Stadion ist. Schließlich seien es ihre Kinder, die unter Alkohol ins Stadion kamen. Doch sollte es sich bewahrheiten, was dort gerufen wurde, »dann bekommen die eine gehörige Strafe, bis hin zum Rausschmiss, und Aufbaustunden oder so etwas – für die Stadt«.
Für Harald Sather, Präsident des Muldentaler Fußballvereins und Vorsitzender des Sächsischen Schiedsrichterausschusses, steht fest: »Das muss aufgeklärt werden.« Derartige Pöbeleien seien »unterste Schublade«. Und natürlich sollte man die ausländischen Spieler respektieren. Sather: »Wer ahnt denn, dass bei einem C-Jugend-Spiel so etwas passiert? Man kann daraus nur lernen.«
Bereits kurz nach dem Vorfall ließ das Sportgericht des Sächsischen Fußballverbandes einen Spieler des ATSV Frisch Auf Wurzen bis zur Verhandlung sperren. Ihm werden rassistische Äußerungen gegenüber einem der vietnamesischen Spieler vom Chemnitzer Verein vorgeworfen. »Das geht zu weit«, sagt Wurzens Präsident Wandel, »über ihn halte ich meine Hand. Er hat mir glaubhaft versichert, dass da nichts war.« Frisch Auf werde die Einspruchsfrist nutzen, um gegen die einstweilige Verfügung des Sportgerichtes vorzugehen. »Die Deutschen darf man beschimpfen«, kommentiert Wandel den Vorgang, »aber bei einem Vietnamesen wird so was hochgespielt.«
Der Vietnamese, um den es geht, erhielt nach dem Spiel einen Feldverweis. Er hatte den Gegenspieler, der ihn beleidigt haben soll, nach Spielende absichtlich gestoßen. »Ich möchte mich für diese Aktion entschuldigen«, schrieb er an den Sächsischen Fußballverband, »aber solche Ausdrücke lasse ich mir nicht gefallen.«
Die beiden Vietnamesen kicken in Chemnitz, in der Stadt, in der Nationalspieler Michael Ballack zu einem guten Fußballer gereift ist. Sie sind völlig integriert, sprechen akzentfrei deutsch, sind hier geboren und aufgewachsen. Ihr Trainer Dirk Radomski ist gleichzeitig der Vizepräsident des VfB Fortuna Chemnitz. »Meiner Meinung nach ist aus der guten Idee von Frisch Auf Wurzen, zur Unterstützung ihrer Mannschaft auch Spieler anderer Altersklassen zu mobilisieren, ein Desaster geworden«, sagt er. »Man war seitens des Heimatvereins auf solche Vorkommnisse nicht vorbereitet.«

Der Bürgermeister schweigt
Das alles passierte in Wurzen, einer Kleinstadt nahe Leipzig: Etwa 15 000 Einwohner, davon um die 1700 Arbeitslose. Die beschauliche Stadt im Muldentalkreis ist bekannt für ihre Kekse, den Dichter Ringelnatz – und für Neonazismus und Antisemitismus in vielfältiger Form. Vor ein paar Jahren machte Wurzen als Nazihochburg Schlagzeilen. Heute sitzen in Stadtrat und Kreistag Funktionäre der NPD, denen Landrat Gerhard Gey (CDU) Ende April mit einer Abordnung der »volkstreuen« Jugend eine Audienz zum Thema Jugendarbeit gewährte. Danach hagelte es Kritik, selbst aus der eigenen Partei.
Wurzens Oberbürgermeister Jürgen Schmidt (CDU) hat sich zu den Vorgängen um das Spiel nicht äußern wollen. Er müsse sich erst schlau machen, sagte er vor Pfingsten am Telefon. Auch nach einer internen Vereinssitzung schwieg er gegenüber der Presse. Schmidt ist Vizepräsident des ATSV Frisch Auf Wurzen.

Quelle: Neues Deutschland, 31.05.2007

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