Demokratie ist stark, wehrhaft und vielfältig. Wer ihr mit der alten Einfalt begegnet, der hat die Zeichen der Freiheit nicht verstanden. Toleranz und Weltoffenheit sind feste Pfeiler der freiheitlichen Demokratie.
Prof. Dr. Roland Wöller (CDU, Sächsischer Staatsminister für Kultus und Sport a.D.) aus Freital
Schwarzer Rauch
27.01.2012 / PirnaMehr als 70000 Menschen ließen 1940 und 1941 ihr Leben in den sechs Tötungsanstalten der Nationalsozialisten, weil diese sie in ihrer menschenverachtenden Ideologie als lebensunwürdig verdammten. Heute wird am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus auch an sie erinnert - so auch bei einem Festakt im sächsischen Landtag.
Ein klarer, kalter Wintertag. Die Temperatur um den Gefrierpunkt. Es hat geschneit. Die weiße Decke im Schlosspark ist noch fast unberührt. Die dünne, weiße Schicht lässt sich von den Schuhen davontragen. Das Ensemble aus prachtvollen Gebäuden umrahmt den gepflasterten Schlosshof. Sonnenbeschienen, friedlich, sauber. Eine Gruppe von 20 Erwachsenen sammelt sich im Halbkreis um Maria Bewilogua. Dicke Wollmützen sind tief ins Gesicht gezogen, Schals mehrfach um die Hälse geschlungen. Ein bisschen Getuschel, verhaltenes Gelächter - bis die 27-Jährige beginnt zu erzählen.
Sie spricht von 13720 Menschen, die noch an ihrem Ankunftstag in Pirna-Sonnenstein ihr Ende an diesem Ort fanden. Darunter Greise, auch Kinder. Die meisten von ihnen geistig behindert oder psychisch krank. Von den Nationalsozialisten als "unwertes Leben" betrachtet. Menschen, die noch bis zur Machtübernahme Adolf Hitlers in der hiesigen Heil- und Pflegeanstalt eine für die Zeit ungewöhnlich humane Unterbringung erfahren durften. Nunmehr wurden sie selektiert, deportiert, vergast, verbrannt. Der meterhohe Schornstein spuckte Tag für Tag dicke, schwarze Rauchwolken. Die unbeschwerte Stimmung der 20-köpfigen Gruppe, Erzieher, Heilerziehungs- und Altenpfleger, scheint verflogen; stumm lauschen sie den eindrücklichen Worten, die Blicke starr zu Boden gerichtet.
Der letzte Weg
"Aktion T4" hieß die Mission der Tötungsmaschinerie, der auch Erich Nagel zum Opfer fiel. Der Pilot aus Glauchau litt nach einem schweren Flugzeugunglück, in dessen Folge er mehrere Tage im Cockpit gefangen war, unter einer Angststörung. Dem traumatisierten Mann war es nicht mehr möglich, seinen Beruf auszuüben. Nach Aufenthalten in Kliniken und Genesungsanstalten trat der damals Mitfünfziger den Weg an, den wie er so viele gingen, den letzten. Nach der Ankunft in Pirna-Sonnenstein - offiziell ein Zwischenstopp auf dem Weg in ein anderes Sanatorium - wurde er bei Ärzten vorstellig. Als Untersuchung getarnt machten die Doktoren für jeden Ankömmling ein Häkchen an einer plausibel erscheinenden Todesursache.
Unter dem Vorwand, zum Duschen gebracht zu werden, musste auch Erich Nagel sich entkleiden. Zusammen mit 20 bis 30 Personen wurde er in den im Keller liegenden, als Bad hergerichte- ten Raum geführt. Ein vergittertes Fenster, Duschköpfe an der Decke. Die Stahltür zu der gut drei mal acht Meter großen Gaskammer wurde verschlossen. Ein Arzt drehte den Hahn auf, beobachtete minutenlang das langsame Erschlaffen der Glieder, die flacher werdene Atmung, den qualvollen Tod all dieser Menschen durch das in der Tür eingelassene Fenster.
Emotionale Momente
Angehörige haben Rosen niedergelegt. Haben versucht, an diesem Schreckensort Abschied zu nehmen. Wie man es an einem Grab tut, nur dass diese Toten keine Gräber haben. Vielen Familien ist das erst Jahrzehnte nach dem Verlust ihrer Verwandten gelungen. Etliche kommen noch heute, teils zum ersten Mal, weil sie nach intensiver Recherche nun erst um das Schicksal ihrer Liebsten wissen. Die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen, hunderte Opfer haben für die Nachwelt noch keinen Namen.
"Das ist kaum auszuhalten", flüstert eine Gruppenteilnehmerin, während sie aus der ehemaligen Gaskammer wankt, hinüber in den Raum, in dem einst die abertausenden Leichen verbrannt wurden. 22 dieser Opfer ist ein Gesicht gegeben worden, in einem dieser Kellerräume. Fotos und kurze biografische Texte erzählen von Beruf, Freizeitaktivitäten. Das Bild von Erich Nagel zeigt einen ernst blickenden, akkurat gekleideten Mann mit runder Brille, Oberlippenbart.
Ein Ort des Gedenkens, an den auch Boris Böhm kommt, wenn er Angehörige bei ihrer Trauer begleitet - die für ihn persönlich wohl schwierigste, weil emotionalste Aufgabe als Leiter der Gedenkstätte. Der 51-Jährige hat an der Gestaltung der Räumlichkeiten mitgewirkt, als ein Teil des Schlosses im Jahr 2000 zum Erinnerungsort wurde. Seitdem ist dort eine Dauerausstellung zu sehen, Führungen finden statt, pädagogische Angebote sollen Schülern die traurige Vergangenheit nahebringen. "Vor 1990 hatte auch ich kaum Kenntnisse über diese Tötungsanstalt", gibt der Historiker zu. Heute hingegen wird der gebürtige Leipziger als Kenner der Materie beim Festakt des sächsischen Landtags sprechen.
Das eigene Tun hinterfragen
Die ebenfalls aus Leipzig stammende Besucherbetreuerin Maria Bewilogua ist während ihres Germanistik-Studiums auf die Gedenkstätte aufmerksam geworden, absolvierte dort ein Praktikum und blieb der Institution verbunden. Während sie nun promoviert, führt sie als freie Mitarbeiterin ein- bis zweimal im Monat Besuchergruppen durch die ehemalige Tötungsanstalt. "Es gibt immer wieder sehr berührende Momente; einigen kommen die Tränen."
Dass ihre Führung Eindruck hinterlassen hat, bemerkt sie auch an diesem Tag wieder. Viele Teilnehmer der Weiterbildungsgruppe, die eine heilpädagogische Zusatzqualifikation erwerben möchten, kommen im Anschluss zu ihr, erzählen von kranken Verwandten, die wohl ein ähnliches Schicksal ereilt hätte.
"Ich bin der Meinung, dass jeder, der mit behinderten Menschen arbeitet, diese Gedenkstätte kennen sollte", sagt Katrin Sawatzky von der Diakonischen Akademie für Fort- und Weiterbildung. Sie hat die Gruppe hierher gebracht. Die 47-Jährige war 2004 zum ersten Mal in Pirna-Sonnenstein, ein Besuch, der sie stark beeindruckt hat. "Dies hier ist der richtige Ort, um daran zu appellieren, das eigene Tun stets zu hinterfragen."
Dieser mahnende Blick in die Vergangenheit begleitet auch jene, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gedenkstätte soziale Arbeit leisten: Die Arbeiterwohlfahrt unterhält seit 2000 auf dem Schlossgelände eine Behinderten-Werkstatt - in bewusster Anknüpfung an die Zeit, bevor aus Pirna-Sonnenstein einer der schlimmsten Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Sachsen wurde.
1811 wurde auf Schloss Sonnenstein eine Heil- und Pflegeanstalt errichtet. Wegen der dort üblichen, für die Zeit aber ungewöhnlich menschlichen Behandlung psychisch Kranker und geistig Behinderter hatte die Einrichtung mit ihrem reformpsychiatrischen Konzept einen guten Ruf.
Ende der 1920er Jahre übernahm Hermann Paul Nitsche die Führung der Heilanstalt. Als Befürworter der "Rassenhygiene" und "Euthanasie" sprach er sich auch für Zwangssterilisationen von Patienten mit mutmaßlichen Erbkrankheiten aus. Ab 1933 wurden so unter anderem Epileptiker der Möglichkeit beraubt, Kinder zu bekommen. 1940 wurde Pirna-Sonnenstein auf Anweisung der Reichskanzlei zu einer von deutschlandweit sechs Tötungsanstalten. Ab dem Sommer 1942 nutzte die Wehrmacht die Gebäude als Lazarett. Von 1954 an wurden auf dem Gelände Volkseigene Betriebe errichtet.
1991 konstituierte sich das Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein, das sich für einen Erinnerungsort stark machte. Die ständige Ausstellung wurde im Juni 2000 eröffnet.
Im vergangenen Jahr besuchten fast 9000 Gäste die Gedenkstätte. Regelmäßig kommen darüber hinaus auch Studierende, um dort für ihre Abschlussarbeiten zu recherchieren.
Quelle: Dresdner Neueste Nachrichten, 27.01.2012




























































































































