Daß die Sächsische Schweiz wieder ein liebenswerter Ort geworden ist, ist auch Euer Verdienst!
Johannes Lichdi (Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied des Sächsischen Landtages) aus Dresden
Rechtsradikale abwehren
04.02.2012 / DresdenPolitiker und Sportler, Künstler und Wissenschaftler – unzählige Dresdner reihen sich am 13.Februar in die Menschenkette ein. Um an die Vergangenheit zu erinnern und ein Zeichen gegen den Missbrauch des Gedenkens durch Rechtsextreme zu setzen. Mit dabei ist auch Ulrike Hessler, seit anderthalb Jahren Intendantin der Semperoper. Vorher lebte sie in München und machte dort ganz andere Erfahrungen mit dem Gedenken an Krieg und Zerstörung.
Frau Hessler, Sie werden sich am 13.Februar in die Menschenkette einreihen – als Opernintendantin oder als Privatperson?
Beides. Wenn ich nicht Opernintendantin wäre, würde ich trotzdem hingehen. Ich war in den letzten Jahren immer dabei.
Wie haben Sie dieses Ereignis in den vergangenen Jahren erlebt?
Ich fand es ungeheuer eindrucksvoll. Zum Beispiel den Moment, als sich die Menschenkette zum ersten Mal geschlossen hat. Obwohl man immer hofft, dass dieses Symbol tragkräftig genug ist. Aber ich habe in der Menschenkette sehr viele interessante und berührende Kontakte mit anderen Menschen gehabt und denke: Genau so sollte es sein.
Sie haben lange in München gelebt, die Stadt wurde ebenfalls stark im Krieg zerstört. Wie groß ist der Unterschied der Gedenkkultur an beiden Orten?
Gigantisch. In München gibt es keine Erinnerungskultur an die Zerstörung. Das war nie ein Thema. Aber ich bin Jahrgang1955 und hab rudimentäre Erinnerungen daran, als das Nationaltheater in Trümmern lag und die Residenz noch nicht wieder aufgebaut war. Ich denke, die Dresdner Situation ist deshalb anders, weil die Stadt ja bis zum 13. Februar nie angegriffen wurde.
Wie überrascht waren Sie über die intensive Auseinandersetzung in Dresden?
Da ich schon seit 1997 meinen zweiten Wohnsitz in Dresden habe, habe ich das sporadisch immer miterlebt. Man muss sich mit dem Thema und der Historie der Stadt befassen, um es zu begreifen. Ich bin 1990 das erste Mal durch die Ruinen hier gegangen, und das war ein schockierender Eindruck. Das war natürlich ein ganz anderes Gefühl, als wenn man zur selben Zeit durch München gegangen ist. Deshalb hab ich versucht, mich in dieses Thema hineinzufinden, obwohl es mir anfangs sehr einseitig vorkam. Ich fand, dass die Opferrolle von Dresden sehr stark betont und zu wenig diskutiert wurde – jedenfalls habe ich das so wahrgenommen. Aber ich bin froh, dass die Diskussion in den vergangenen Jahren sehr offen und vehement geführt wird. Man kommt besser mit einer Situation zurecht, wenn man darüber spricht.
Aber wird in Dresden mittlerweile nicht auch zuviel darüber gesprochen?
Es scheint ja eine Notwendigkeit zu sein, sonst täten die Leute es nicht. Es zwingt ihnen niemand auf. Wenn es ein Bedürfnis ist, muss man dem nachkommen.
Wieso haben die Dresdner ein so großes Bedürfnis, sich damit auseinanderzusetzen – im Gegensatz zu den Münchnern?
Alles ist viel präsenter. München war mit dieser Diskussion spätestens nach der Olympiade1974 fertig. Da gab es in der Innenstadtbebauung zwar auch noch Lücken, aber die wurden nicht mehr wahrgenommen. Man müsste vielleicht eher die Erinnerungskultur einer Stadt wie Würzburg zum Vergleich heranziehen, die ja noch nach Dresden in einer Nacht zerstört wurde. Dresden hatte aber immer eine besondere Situation, auch durch die Isolierung in der DDR-Zeit. Außerdem haben die meisten Menschen noch zwischen den Ruinen gelebt.
Wird auch hier die Verarbeitung irgendwann beendet sein?
Die jüngeren Leute werden anders damit umgehen, weil sie an den Krieg und die Folgen keine direkten Erinnerungen mehr haben. Ein anderer, wichtiger Punkt ist, dass sich die Rechtsradikalen hier auf den Plan gerufen gefühlt haben, und das muss man abwehren. Die Diskussionen über die Genehmigungen der Kundgebungen und deren Abwehr ist ja so schwierig.
Wie stark ist die Rolle der Bühne in dieser Debatte?
Die Oper hat schon immer eine starke Haltung vertreten. Zum Beispiel wird auf Initiative unseres Personalrats jedes Jahr ein Transparent mit einem Statement an der Fassade enthüllt. In diesem Jahr schließen sich nun alle Theater der Stadt an und haben einen Spruch von Erich Kästner ausgewählt: „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
Welchen Platz sollte das Gedenken Ihrer Meinung nach in Dresden finden?
Gedenken ist wichtig, aber es sollte, wie es ja bereits passiert, mit Diskurs um die Prävention verbunden sein. Ein Beitrag der Semperoper ist die Verleihung des Friedenspreises. Dabei geht es auch immer wieder um die Fragen: Was können wir aus der Geschichte lernen, und wie können wir so etwas in Zukunft verhindern?
Aber ganz ehrlich, sind Sie nicht auch erleichtert, wenn die Diskussionen und Veranstaltungen um den 13.Februar wieder vorbei sind?
Ich bin eher erleichtert, wenn die Nazis weg sind. Nicht Veranstaltungen wie die Menschenkette, sondern die Demonstration der Rechtsradikalen und das radikale Umfeld sind das Belastende.
Interview: Doreen Hübler
In Dresden hat der Verkauf der Weißen Rosen begonnen, unter anderem in den Dresdner SZ-Treffpunkten. Die Blume gilt als Symbol gegen den Missbrauch des Gedenkens an die Zerstörung der Stadt. Die Weiße Rose kostet zwei Euro, 75Cent davon gehen an die Stiftung Toleranz.
Quelle: Sächsische Zeitung, 04.02.2012




























































































































