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„Nazis wollen auf der Woge des Selbstmitleids mitschwimmen“

30.01.2012 / Dresden

Herr Baum, was bedeutet für Sie als gebürtigen Dresdner und Überlebender der Bombennacht vom 13. Februar 1945 dieser Tag nach 66 Jahren?

Dieser Tag ist nach wie vor ein Trauma für mich. Ich war damals 12 Jahre alt, meine Mutter floh mit uns Kindern an den Tegernsee. Die Trauerrituale sind also absolut nachvollziehbar, ja sie sind nötig.

Manche Dresdner allerdings hegen dabei mitunter ein Selbstmitleid, das dem Gedenken nicht angemessen ist. Dies wurde einst vor allem durch die Nazis und später durch die SED-Funktionäre aktiviert und propagandistisch missbraucht.

 

Wirkt das bis heute nach?

Ja, auf dieser Woge des Selbstmitleids wollen die Nazis mitschwimmen, um auf diese Weise die Demokratie zu diskreditieren. Nach wie vor wirkt nach, dass es in der DDR keine offene Auseinandersetzung mit der Nazibarbarei gab. Es wurde nach dem Motto gehandelt: Wir waren es nicht. Deshalb ist die Gegenwehr zu schwach.

 

In den vergangenen zwei Jahren standen Tausende Dresdner auf, um gegen die Naziaufmärsche zu protestieren. Ist das Schwäche?

Natürlich nicht. Diese Entwicklung macht Hoffnung. Die großen Städte in Ostdeutschland entwickeln sich immer mehr zu Zentren demokratischer Kultur, gerade auch Dresden. Aber auf dem flachen, meist ökonomisch schwachen Land sieht das zum Teil anders aus. Ich denke nur an die Sächsische Schweiz, dort rückt die Ideologie der Nazis immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Hier hat sich eine Angstkultur etabliert, die aufrechte Demokraten an den Rand drückt. Das ist eine Gefahr für die Demokratie.

 

Hat die sächsische Regierung diese Entwicklung unterschätzt?

Die Gefahren sind ganz allgemein unterschätzt worden. Wichtig ist, dass sich die Demokraten auf eine Abwehrstrategie verständigen. Gibt es parteipolitischen Streit, dann bekommen die Verfassungsfeinde Oberwasser. Parteipolitische Profilierung sollte hier zurücktreten.

 

Gerichte erlauben Naziaufmärsche, verurteilen jene, die diese Märsche blockieren. Wie geht das zusammen?

Elementare Grundrechte unserer Demokratie sind die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Sie gelten aber eben auch für die Feinde unserer freiheitlichen Grundordnung. Das ist schwer zu verstehen, aber für Gerichte Entscheidungsgrundlage und macht es für die Sicherheitskräfte nicht einfach. Dennoch: Es darf nicht passieren, dass friedlich demonstrierende Bürger unter einen Generalverdacht gestellt werden, wie das mit der Handy-Überwachung geschah.

 

Werden so wehrhafte Bürger plötzlich zu Rädelsführern?

Dieser Begriff ist unpassend und irreführend. Notwendig ist, dass die Demokratie immer wieder mit Leben erfüllt wird. Die Menschenwürde ist auch in einer geglückten Demokratie immer wieder in Gefahr. Ich denke nur an Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Diese Haltung gibt es aber nicht nur bei Neonazis, sondern leider auch in der Mitte der Gesellschaft.

 

Sie sprachen am Freitag in der Kreuzkirche, Sie halten eine Dresdner Rede, unterstützen den Dresdner Friedenspreis. Lässt Sie die Stadt nicht los?

Es ist meine Heimat und die meiner Vorfahren. Ich engagiere mich, weil daran gearbeitet werden muss, das Symbol Dresden weiterhin positiv zu besetzen. Der bürgerschaftliche Diskurs muss gestärkt werden, das ganze Jahr hindurch, nicht nur einmal im Jahr, wenn die Nazis anrücken.

 

Das Gespräch führte Peter Ufer.

 

Quelle: Sächsische Zeitung, 30.01.2012

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