Gerade jetzt, angesichts eines Abgrunds von Fremdenhaß inmitten unserer Gesellschaft, ist es bitter nötig, sich für eine multikulturelle Demokratie, Respekt und Mitmenschlichkeit zu engagieren. Zivilcourage ist gefragt! Ich wünsche der Aktion Zivilcourage viel Erfolg.
Ralf Fücks (Vorsitzender Heinrich-Böll-Stiftung e.V.) aus Berlin
Helden der Provinz
11.06.2007 / Halberstadt In Halberstadt wurden Schauspieler nach einer Premierenfeier von Neonazis krankenhausreif geschlagenIn den nächsten Gästebuch-Einträgen ist plötzlich von "latent faschistoiden Haltungen in der ostdeutschen Gesellschaft" und von "pogromartigen Übergriffen" die Rede, eine verzweifelte Stimme ruft reflexartig: "Weggehen ist der falsche Weg!"
Die Freude über eine gelungene Premiere wurde von acht brutalen Männern, die der Neonaziszene angehören sollen, kaputt gehauen. Vierzehn Tänzer, Musiker und Statisten waren so beseelt, dass sie ihre Premierenfeier noch ein bisschen ausdehnen wollten - auf der Suche nach einer geöffneten Gaststätte wurden sie verprügelt, fünf von ihnen mussten ins Krankenhaus. Es habe am Morgen immer noch Blut auf der Straße geklebt, sagt die Chefdramaturgin Aud Merkel. Die Polizei nahm einen der Haupttäter, einen vorbestraften Rechtsextremisten, nur vorübergehend fest. Die sieben anderen konnten fliehen.
Dem Ensemble des Harztheaters anzugehören ist eine sehr reale Version des Traumberufs Schauspieler: Die traditionsreichen Häuser Halberstadts und Quedlinburgs wurden nach der Wende fusioniert. Das Ensemble spielt 500 Vorstellungen im Jahr und erreicht 130 000 Besucher und einen guten Kostendeckungsgrad. Das ist vor allem viel Arbeit, und die Kulturpolitik dankt es, indem sie die Zuwendungen mittelfristig um ein Viertel kürzt. Mitarbeiter werden entlassen, ein Haustarifvertrag sorgt für Gehaltseinbußen, das Orchester verzichtet auf zehn Prozent der Gage, um fünf Musikern die Stelle zu retten. Und nach der Premiere wird man dann auch noch verdroschen.
Schnell schiebt sich das Klischee zusammen vom abgehängten jungen Ostdeutschen, der sein mieses Dasein perfekt macht, indem er die letzten Rudimente der Zivilgesellschaft in den Staub tritt. Doch das Theater wehrt sich. Es arbeitet - nur ein Beispiel - mit der lokalen Arbeitsagentur zusammen und stellt den Fallmanagern Freikarten zur Verfügung, die an jene verteilt werden sollen, die "den Kontakt zum gesellschaftlichen Leben verloren haben und vom kulturellen Leben abgeschnitten sind". Dieser - angesichts solcher Dumpfbrutalität nutzlos scheinende - Kampf ist nicht anders als heldenhaft zu bezeichnen. (Ulrich Seidler)
Quelle: Berliner Zeitung, 11.06.2007




























































































































