Pirna braucht die Aktion Zivilcourage, Toleranz und Zivilcourage sind wichtige Themen.
Annemarie Grafe (Pirls e.V.) aus Dohna
„Frauenmangel erzeugt Frust“
27. Juni 2007 / Sächsische SchweizDie Abwanderung junger Frauen ist in Ostdeutschland generell ein Problem. In Skandinavien beobachten wir Ähnliches, aber nicht in solch einem Ausmaß wie in den neuen Bundesländern. Die Sächsische Schweiz steht aber im Vergleich mit Regionen wie dem Erzgebirge gar nicht mal so schlecht da.
Warum suchen junge Frauen eigentlich das Weite?
Einerseits fehlen spezielle Jobs. Typische Männerberufe, auf dem Bau oder in der Produktion, sind in ländlichen Regionen einfach stärker verankert.
Je weniger Frauen, desto mehr Rechtsextremismus, sagt Ihre Studie. Warum ist das so?
Man denkt ja immer, dass rechte Parteien dort am meisten Zulauf haben, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist. Unsere Studie zeigt: Das stimmt so nicht. In der Sächsischen Schweiz, wo die NPD ja relativ stark ist, geht es der Wirtschaft gar nicht so schlecht wie anderswo. Vielmehr haben bei der Wahl 2005 in jenen Gegenden die Menschen rechts gewählt, in denen es einen deutlichen Männerüberschuss gibt. Die Gründe sind vielfältig. Einerseits gibt es in der heutigen Gesellschaft weniger Platz für das traditionelle Männerbild, das von rechten Parteien oft unterstützt wird. Zweitens führt Partnerlosigkeit zu Frustration und die ist Nährboden für rechte Gesinnungen.
Als weiteren Grund für das Missverhältnis von Männern und Frauen führt Ihre Studie den Bildungsrückstand der Männer an.
Richtig. Es gibt ein ungewöhnliches Gefälle: Über 60 Prozent aller Abiturienten in den neuen Bundesländern sind weiblich, dafür sind zwei Drittel aller Schulabgänger ohne Schulabschluss oder mit höchstens Hauptschulabschluss Männer. Kurz: Das weibliche Geschlecht besitzt im Schnitt die bessere Bildung. Und Menschen mit höherem Bildungsgrad suchen sich anspruchsvolle Berufe, die es im Osten nicht so häufig gibt.
Sind Männer einfach dümmer?
Das kann man nicht sagen. Es hat etwas mit dem klassischen Rollenbild zu tun, das in der DDR vermittelt wurde. Bildung war für Männer nicht so wichtig. Es gab Arbeit für jeden, und das hauptsächlich im produzierenden Gewerbe. In Berufen, bei denen eine bessere Bildung benötigt wurde, dominierten oft Frauen, in der Verwaltung, im Gesundheitswesen oder als Lehrer.
Männer mussten also gar nicht so viel lernen.
Ja, aber heute ist das anders. Der rasende Gesellschaftswandel seit der Wende hat die Wirtschaftsstruktur völlig verändert. Klassische Männerberufe haben dramatisch an Bedeutung verloren. Auch die ruckartige Übernahme des westdeutschen Bildungssystems war nicht hilfreich, denn das frühe „Aussortieren“ in Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten produziert gerade im Osten vorwiegend männliche Bildungsverlierer.
Eine weitere Vermutung ist, dass Mädchen in der Grundschule bevorzugt werden.
Ja, sie bekommen eher Bildungsempfehlungen für das Gymnasium. Ein Grund dafür könnte die weibliche Dominanz unter den Grundschullehrern sein, denn Frauen bewerten weibliches Verhalten positiver und kommen mit den Jungs weniger gut klar.
Was sollten die Männer tun, beziehungsweise: Was sollte für sie getan werden?
Geringe Bildung hat oft mit der Familiensituation zu tun. Wenn der Vater keinen Wert auf Bildung gelegt hat, verlangt er das von seinem Sohn auch nicht unbedingt. Die Mütter scheinen hingegen ihre Töchter sehr viel stärker zu besserer Bildung zu motivieren. Wir brauchen eine Diskussion mit den Eltern und den Lehrern, warum die Jungs so viel häufiger mit einem geringen Bildungsabschluss die Schulen verlassen. Wir brauchen mehr männliches Personal in Kindergärten und Grundschulen damit es dort auch männliche Vorbilder gibt, und wir brauchen eine Pädagogik, die auf die Bedürfnisse von Jungen besser eingeht.
Falls diese Vorschläge tatsächlich umgesetzt würden: bestünde nicht die Gefahr, dass auch noch die jungen Männer die Sächsische Schweiz verlassen?
Nein. Der Hauptgrund, warum Frauen aus der Ferne nicht zurück kommen ist, dass sie dort einen Partner gefunden haben. Frauen vermeiden nämlich Partner mit niedrigerem Bildnungsstand. Wenn es hier mehr gut gebildete Männer gäbe, würden sich auch mehr Paare zum Hierbleiben entschließen.
Das Gespräch führten Stefan Brieger und Holger Metzner
Quelle: Sächsische Zeitung, Mittwoch, 27. Juni 2007




























































































































