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Die Deutschen und der Antisemitismus

29.01.2012 / Deutschland

Antisemitismus ist kein Randphänomen. Die Studie "Antisemitismus" in Deutschland zeigt, dass sich die unterschiedlichen politischen und kulturellen Milieus ähnlicher Vorurteile bedienen und sich oft nur in der Zuspitzung der Ressentiments unterscheiden. Eine nützliche Erkenntnis für alle, die den Antisemitismus in Deutschland bekämpfen wollen.

Wer wissenschaftlich zum Thema Antisemitismus arbeitet, der wird aus dem Bericht des unabhängigen Expertenkreises "Antisemitismus in Deutschland" kaum neue Erkenntnisse ziehen. Denn die von den Sachkundigen im Auftrag des Bundestages zusammengetragenen Fakten waren der Fachwelt im Wesentlichen schon bekannt. Und vieles davon konnte auch der sogenannte Normalbürger bereits wissen. Dass die meisten antisemitischen Straftaten im rechtsextremistischen Lager stattfinden, kann man der Polizeistatistik entnehmen. Dass bei 20 Prozent der deutschen Bevölkerung latent antisemitische Denkmuster vorhanden sind, stand in den Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit der Universität Bielefeld, und dass die islamistische Szene im Internet Judenhass verbreitet, weiß jeder, der bei Youtube nach Islamvideos sucht.

Neu ist etwas Anderes: Erstmalig wurden Untersuchungen und Berichte zu unterschiedlichen Facetten antisemitischer Erscheinungsformen gebündelt zusammengetragen. Das ist die wichtigste Qualität dieses Berichtes. Die Experten haben sich die Mühe gemacht, die gesellschaftliche Wirklichkeit des Antisemitismus nicht allein in Zahlen und Ereignisberichten abzuhandeln. Sondern sie wagen eine Mischung aus Definition, historischer Analyse, Bewertung von gesellschaftlichen Diskursen und einer Auflistung von antisemitischen Erscheinungsformen. Und zwar in den extremistischen Lagern genauso wie in der sogenannten pluralen Gesellschaft.

Dabei wird nicht nur deutlich, dass Antisemitismus kein Randphänomen ist, sondern auch, dass sich die unterschiedlichen politischen und kulturellen Milieus ähnlicher Vorurteile bedienen und sich oft nur in der Zuspitzung der Ressentiments unterscheiden. Eine nützliche Erkenntnis für alle, die den Antisemitismus in Deutschland bekämpfen wollen. Eine weitere Qualität des Berichtes: Die einzelnen Aspekte des Themas werden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Denn in der Expertenkommission saßen Antisemitismusforscher aus Hochschulen und aus jüdischen Forschungseinrichtungen, Spezialisten vom Verfassungsschutz sowie Fachleute aus zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich mit Antisemitismus im Zusammenhang mit Bildung und Demokratieerziehung befassen. Das ist eine geballte Mischung von ganz unterschiedlich ausgerichtetem Sachverstand. Auch durch diese Zusammensetzung der Kommission ist der Bericht für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages ein sehr effektives und hilfreiches Instrumentarium geworden, mit dem sich politische Ideen für die Antisemitismusprävention entwickeln lassen. Denn auf dem Gebiet der Prävention ist viel zu tun. Da redet der Expertenkreis in seinem letzten Berichtskapitel Klartext.

Das Fazit der Fachleute zu den Präventionsbemühungen der Regierung lautet: "Eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland existiert nicht." Schon lange haben Initiativen und Projekte, die antisemitischen Tendenzen in Vereinen und Schulklassen, auf Sportplätzen und in Konzertsälen, auf Internetseiten und in Moscheen bekämpfen wollen, festgestellt: Diese Phänomene brauchen langfristige und nachhaltige Maßnahmen. Die Experten geben diesen Initiativen mit ihrem Bericht Recht. In ihrem Urteil ist auch eine deutliche Kritik an der befristeten Finanzierung der meisten Projekte enthalten. Aber nicht nur konzeptionell und methodisch erntet die Präventionsarbeit Kritik, sondern auch inhaltlich. Den von der Bundesregierung entwickelten Programmen fehlten einheitliche, koordinierte und durchdachte Konzepte, heißt es. Vor allem die vom Bundesfamilienministerium geförderten, aber in kommunaler Verantwortung liegenden lokalen Aktionspläne greifen nach Ansicht der Experten nicht. Denn jede Kommune gehe von unterschiedlichen Vorstellungen aus, was unter Antisemitismus zu verstehen und wie er zu bekämpfen sei. Und so kommt es, dass in manch einer Kleinstadt ein Abend zum Holocaustgedenken als Antisemitismusprojekt gefördert wird, während auf dem Sportplatz nebenan Neonazis in Hakenkreuz-Formation marschieren und niemand schreitet ein. Antisemitismusbekämpfung darf nicht nur an die Judenverfolgung im Dritten Reich erinnern, so notwendig das sein mag, sondern muss unbedingt auch gegenwartsbezogen stattfinden, lautet das Resümee der Experten. Insgesamt entspricht das Urteil der Fachleute zum Thema "Präventionsmaßnahmen der Bundesregierung" so ziemlich der Note sechs. Es ist zu hoffen, dass dieses Zeugnis die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wachrüttelt.

 

Quelle: Deutschlandfunk, 29.01.2012

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