Mit der Sächsischen Schweiz ist der Klettersport untrennbar verbunden, denn hier liegen seine Wurzeln. Es ist nicht zuletzt dieser vielfältige Sport, der zwischen alt und jung, über Ländergrenzen hinweg durch Austausch und Verstehen zur Gemeinsamkeit führen kann.
Bernd Arnold (Kletterer und Bergsteiger) aus Hohnstein
Da ist kein Hass mehr
12.06.2007 / Moskau Wie leben ehemalige Zwangsarbeiter heute? Ein Besuch bei einer alten Moskauerin, die zurzeit von einer jungen Berlinerin betreut wird.Die Berlinerin ist zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr nach Moskau gekommen, um NS- und
|
||||||||||||
|
|
||||||||||||
Gulag-Opfern im Haushalt zu helfen. Die Kritik in der Küche erträgt Vivian mit Seelenruhe. Sie schätzt die alte Frau, die 1942 als 18-Jährige aus dem ukrainischen Saparoschje ins KZ Ravensbrück bei Berlin verschleppt worden war und die jetzt an Krebs leidet. Jekaterinas rechter Arm ist geschwollen. „Es sind die Lymphdrüsen“, meint die alte Frau. „Mir tut der ganze Körper weh.“
Jekaterina ist eine von vier alten Menschen, die die junge Berlinerin mit den langen schwarzen Haaren und den aufmerksamen Augen betreut. Bei Jekaterina werde viel und häufig gegessen, meint Vivian. Zum Besuch des deutschen Korrespondenten hat Jekaterina selbst die Wohnung geputzt und den Tisch gedeckt. „Ich habe Vivian freigegeben.“ Ein Besuch ist etwas ganz Besonderes. Man muss viel essen. Kaum ruht die Gabel, ruft die alte Dame, „kuschai, kuschai!“ (iss, iss!).
Mit 18 verschleppt
Die Hungerjahre im KZ kann sie nicht vergessen. „Einmal am Tag gab es eine Brühe. Das war alles. Hungrig ging ich schlafen und hungrig wachte ich auf.“ Alles ist noch ziemlich präsent. Die deutschen Schimpfwörter „verflucht“ und „Affen“ kann sie korrekt aussprechen. Die SS-Aufseherinnen hätten die Zwangsarbeiterinnen als „Affen“ beschimpft, sie mit der Peitsche zum Appell getrieben und Hunde auf die Frauen gehetzt. Die vier Jahre in den Baracken haben die Frauen zusammengeschmiedet. Noch heute kann Jekaterina die Gesichter ihre Mithäftlinge beschreiben, erinnert sich an Namen, ja sogar an einige Adressen der Mitgefangenen.
Trotzdem hasst sie die Deutschen nicht. Das hat Vivian anfangs irritiert. „Damals herrschte Faschismus,“ erklärt Jekaterina, so als ob damit alles gesagt sei. Als sie ein fragendes Gesicht sieht, fügt sie hinzu, „Auch viele Deutsche sind gestorben.“
Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück montierte Jekaterina Granaten. Als sie 1945 von der Roten Armee befreit wurde, verliebte sie sich in den Soldaten Viktor aus Moskau. Sie heirateten und zogen in die Hauptstadt. Jekaterina arbeitete bei der Verwaltung der Eisenbahn. Arbeit bekam sie nur, weil sie verschwieg, dass sie Zwangsarbeiterin war. Zwangsarbeiter galten in der Stalin-Zeit als Verräter.
Dass Deutschland ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt, hat die alte Frau zum Glück rechtzeitig erfahren. Jekaterina gehört einer Vereinigung ehemaliger Zwangsarbeiter an. Da ist sie immer gut informiert. Die alte Dame bekam 3000 Euro in zwei Raten. „Das war eine große Freude“, sagt sie. Wegen ihrer Krankheit braucht sie viele Medikamente. Die Ärzte hätten ihr schon signalisiert, dass es bald zu Ende gehe. Ihr Ton ist bitter. Früher, in der Sowjetunion, hätten die Ärzte mehr Achtung vor alten Leuten gehabt, meint die alte Dame. Obwohl sie nie Parteimitglied war, ist ihr die neue Zeit fremd.
Elf deutsche Freiwillige
Über ihre junge Helferin aus Berlin sagt die alte Frau nur Gutes. „Wenn ich mich schlecht fühle, sagt Vivian, bleiben sie ruhig sitzen, ich mache alles. Sie ist ein gutes Mädchen.“ Vivian guckt kurz auf und lächelt. Während wir uns unterhalten, tippt sie eifrig ein paar SMS.
„Vielen ehemaligen Zwangsarbeitern wurde keine Entschädigung gezahlt“, meint Jelisaweta Dshirikowa. Die energische Frau mit den lockigen Haaren hat im Norden von Moskau in Eigeninitiative die Sozialstation „Sostradanije“ (Mitgefühl) aufgebaut. Für die Station arbeiten elf junge Deutsche, die in Moskau ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten. Vivien ist eine von ihnen. Alle gemeinsam leben sie in einer Groß-WG im Südosten Moskaus. Über Aktion Sühnezeichen und das Berliner Jugendaufbauwerk sind sie nach Moskau gekommen. Jeder betreut fünf alte Menschen.
Mit den Deutschen laufe die Zusammenarbeit sehr gut, meint Sozialarbeiterin Jelisaweta. Die Sozialstation, welche heute 180 ehemalige Zwangsarbeiter und Gulag-Häftlinge betreut, wird seit drei Jahren vom deutschen Fonds „Erinnerung und Zukunft“ gefördert und bekommt auch in den nächsten Jahren noch Geld.
Viele ehemalige Zwangsarbeiter seien nicht informiert worden, dass es Entschädigungen aus Deutschland gibt, meint die Sozialarbeiterin. „Viele wohnen in kleinen Dörfern am Rande der Stadt. Oft haben sie noch nicht mal Radio oder Fernsehen.“ Die deutsche Stiftung habe da „keine Schuld“. Für die Information der alten Menschen und die Auszahlung war die Moskauer Partnerorganisation, die Stiftung „Verständigung und Versöhnung“ zuständig. Da sei viel schiefgelaufen.
Jelisaweta versucht jetzt mit ihren Mitteln, die Fehler auszubügeln. So hat sie in das Betreuungsprogramm von „Sostradanije“ extra viele ehemalige Zwangsarbeiter aufgenommen, die keine Entschädigung erhalten haben. Dazu gehören siebzig ehemalige Zwangsarbeiter aus dem Moskauer Umland, die meist in kleinen Dörfern leben, wie dem Ort Elektrostal. Sie waren als Kinder nach Deutschland verschleppt worden. Nach dem Krieg wurden sie zusammen mit ihren Eltern in einem „Disziplinierungslager“ im Ort Elektrostal angesiedelt. Dort arbeiteten die Eltern und später auch die Kinder in einer Fabrik, die Uran anreichert, „ohne jeglichen Schutz“, wie Jelisaweta betont. Viele Kinder der Zwangsarbeiter litten deshalb heute an Krebs.
Bei alten Menschen, die bettlägerig sind helfen bei „Sostradanije“ zusätzlich zwei Krankenschwestern und zwei Ärzte. „Das schlimmste für die alten Leute ist, wenn sie nicht mehr Sehen oder vom Bett aufstehen können. Alles andere überleben sie“, meint Jelisaweta.
Eigentlich sind die staatlichen Polikliniken verpflichtet, den alten Menschen zu helfen. Aber insbesondere im Moskauer Umland klappt das nicht. Außerdem müssen die alten Leute, um ärztliche Hilfe und Betreuung zu bekommen, einen ganzen Berg Dokumente ausfüllen.
Kein Grund für Klagen
Auf den russischen Fond „Verständigung und Versöhnung“ ist Sozialarbeiterin Jelisaweta nicht gut zu sprechen. „In Russland findet sich immer jemand, der etwas klaut“, stellt sie nüchtern fest, geht aber nicht ins Detail. 2001 machte der russische Fond Schlagzeilen. Prüfungen hatten ergeben, dass in den 90er Jahren 111 Mio. Mark aus Deutschland unterschlagen worden waren.
Das Geld war für NS-Opfer bestimmt und ging bei mysteriösen Operationen von Banken und durch Auszahlungen an Nichtberechtigte verloren. Seitdem habe es aber keine Unregelmäßigkeiten mehr gegeben, erklärte Martin Salm, Vorstandsmitglied der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegenüber dieser Zeitung. In den letzten sieben Jahren sei alles korrekt gelaufen.
Für Jelisaweta sind die Fehler der Vergangenheit kein Grund für Klagen. Im Gegenteil, jetzt gehe es darum, die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter zu verbessern. Die energische Frau hat große Pläne. Sie will eine Leihstation für moderne Rollstühle, Spezial-Matratzen und Bio-Toiletten aufbauen. Jelisaweta sprüht vor Tatendrang. Man merkt, dass sie sich für die alten Leute persönlich verantwortlich fühlt. „Wir können nicht verhindern, dass die Menschen älter werden, aber wir können helfen, dass sie nicht verbittern.“ (Von Ulrich Heyden, Moskau)
Quelle: Sächsische Zeitung, 12.06.2007





























































































































