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Bei Mord stets gerne behilflich

03.02.2012 / Deutschland

Als am vergangenen Mittwoch in der Düsseldorfer Markenstraße im Stadtteil Oberbilk ein Kommando der GSG 9 der Bundespolizei in die Wohnung des 31 Jahre alten Carsten S. eindrang und den Mann aus dem Bett holte, endete dort vorläufig ein schwer verstehbares Doppelleben. Verhaftet wurde einerseits der liebe Carsten, den seine Bekannten bei der Düsseldorfer Aids-Hilfe und in der Sozialarbeit schätzen, den engagierten Sozialpädagogen, der sich Karneval auch mal als Frau kostümierte.

Carsten S., der studierte Sozialpädagoge, war Helfer im staatlich geförderten Modellprojekt „für sozial und individuell benachteiligte Jugendliche“, wie es in einer Ratsvorlage der Stadt Düsseldorf zum „Jugend-Job-Center Plus“ heißt.

Derselbe Carsten S. war andererseits vor Jahren eine polizeibekannte Figur in der Jenaer Neonazi-Szene, Mitmacher beim rechtsextremen Schlägertrupp „Thüringer Heimatschutz“ und NPD-Mitglied sowie Funktionär der NPD-Organisation „Junge Nationalisten“. Carsten S. soll ein Terrorhelfer sein, ein Mordgehilfe des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) in sechs Fällen? Das jedenfalls wirft ihm nun die Bundesanwaltschaft vor.

Die Kerngruppe brauchte einen Helferkreis

Bei den Ermittlungen gegen die mutmaßliche Kerngruppe, bestehend aus Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die nach Auffassung der Strafverfolger zehn Jahre lang gemeinschaftlich gemordet, terrorisiert und geraubt haben sollen, war rasch klar geworden, dass die drei, das sogenannte Trio, ihr Leben im Untergrund in den Jahren 1998 bis 2011 nicht ohne einen mehr oder minder großen Helferkreis hätten führen können. Seit Böhnhardt und Mundlos, nach einem Bankraub von der Polizei gestellt, in einem Wohnmobil starben und seit Beate Zschäpe die letzte Untergrundwohnung in der Zwickauer Frühlingstraße 26 in Brand gesteckt hat, suchen Hunderte Ermittler nach Helfern, die das Trio in den Jahren seit ihrem Untertauchen gedeckt, geschützt und unterstützt haben. Sie sollen der Kerngruppe beispielsweise mit Waffen, Ausweisen, Autos und als Quartiergeber geholfen haben oder beim Anfertigen des Selbstbezichtigungs-Videos. Für dessen Verteilung und Versendung hatte Frau Zschäpe noch gesorgt, ehe sie sich der Polizei stellte. Auch dabei wurde ihr, so die Erkenntnisse der Ermittler, geholfen.

Der Professorensohn Uwe Böhnhardt, sein Freund Uwe Mundlos und die Begleiterin Beate Zschäpe, gelernte Gärtnerin, stammten aus Jena und waren dort vor ihrem Untertauchen in der Neonazi-Szene aktiv. Dem „Thüringer Heimatschutz“ (THS) wurden Ende der neunziger Jahre etwa 150 bis 170 Personen zugerechnet. Aus diesem Umfeld stammen offenbar die meisten Unterstützer. Verbindungen werden aber auch zu der inzwischen verbotenen rechtsextremen „Blood and Honour“-Organisation hergestellt und zu Gliederungen der NPD.

Seit Mitte November wird gegen mehr als ein Dutzend Männer und Frauen aus dem Umfeld ermittelt. Außer Frau Zschäpe sitzen derzeit fünf weitere Personen in Untersuchungshaft: Holger G., der am 14. November bei Hannover festgenommen wurde, Andre E. wurde am 24. November verhaftet, fünf Tage später Ralf Wohlleben. Am 11. Dezember nahmen Ermittler in Johanngeorgenstadt Matthias D. fest. In dieser Woche wurde Carsten S. dem Haftrichter vorgeführt.

Allen fünf wirft die Bundesanwaltschaft vor, den Gründern der Terrororganisation aktiv geholfen zu haben. Sie sollen sich der Unterstützung des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ schuldig gemacht haben, teilweise sogar der Beihilfe zu den Morden der Bande.

Holger G., 37 Jahre alt, soll dem Trio seienen Führerschein und seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben. Auf ihn wurden Wohnmobile angemietet, die als Fahrzeuge bei Verbrechen genutzt wurden. Unter anderem wurde auf seinem Namen das Fahrzeug gemietet, mit dem vermutlich die Täter des Polizistenmordes von Heilbronn anreisten. Holger G. stammt aus Jena-Lobeda und war Mitglied der rechtsextremen „Kameradschaft Jena“. 1997 wurde gegen Holger G. wegen eines Rohrbombenanschlags ermittelt. Die Ermittlungen wurden allerdings später eingestellt, weil es keinen hinreichenden Tatverdacht gab. Zwischen 1999 und Ende 2004 soll Holger G. an rechtsextremen Demonstrationen teilgenommen und Kontakt zur rechtsextremen Szene gehabt haben. Dann wurde es still um ihn.

Regelmäßige Kontakte zu den mutmaßlichen Terroristen

Andre E. gehört ebenfalls seit langem aktiv zur Neonazi-Szene. Der 32 Jahre alte, großflächig tätowierte Mann lebte in Zwickau mit seiner Ehefrau Susann E. und betrieb einen Versandhandel. Flugblätter seiner Firma fanden sich in den Trümmern des Hauses in der Frühlingsstraße. Ihm wird vorgeworfen, bei der Anfertigung des Selbstbezichtigungsvideos geholfen zu haben. Papiere seiner Frau Susann wurden von Beate Zschäpe jahrelang als Alias-Identitäten genutzt. Der Kontakt der Gruppe zum Ehepaar E. war nach Erkenntnissen der Ermittler bis zuletzt intensiv, die beiden sollen regelmäßig, manche Berichte sagen wöchentlich, in der Wohnung der mutmaßlichen Terroristen zu Besuch gewesen sein. Verhaftet wurde Andre E. bei seinem Bruder Maik in Brandenburg, der ebenfalls der rechtsextremen Szene verbunden und ein Funktionär der NPD-Jugendorganisation sein soll.

Eine Schlüsselfigur der NPD in Thüringen und darüber hinaus war Ralf Wohlleben. Der frühere Parteifunktionär gilt als ein wichtiger Helfer der Gruppe beim Untertauchen im Jahre 1998. Danach war Wohlleben zeitweise wohl ein Organisator der braunen Hilfe, half bei Spendenaktionen und vermittelte Kontakte. Weil er den Mördern eine Waffe beschafft haben soll, so der Generalbundsanwalt, wird ihm auch Beihilfe an mehreren Morden vorgeworfen. In der NPD war er zuletzt nicht mehr als Funktionär aktiv. Vor zehn Jahren war Wohlleben als stellvertretender Landesvorsitzender und Sprecher aber eine Führungsfigur der Partei. 2002 kaufte er mit André K., einem weiteren Verdächtigen, eine Gaststätte in Altlobeda (Jena), die als „Braunes Haus“ bekannt ist.

Quartiermacher der Gruppe war in den vergangenen Jahren der gelernte Fleischer Matthias D. aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt. D. gab seinen Namen und fungierte als Strohmann sowohl bei der Anmietung der Zwickauer Wohnung in der Polenstraße im Mai 2001 als auch bei der mit Vertrag vom 11. Dezember 2007 gemieteten Wohnung in der Frühlingstraße. Die Mieten sollen von seinem Konto aus bezahlt worden sein. Bei ersten polizeilichen Befragungen präsentierte er die Version des ahnungslos Gutgläubigen. Nach Agenturangaben sagte er noch Mitte November: „Wenn ich was gemacht hätte, wäre ich ja wohl auch im Gefängnis. Bin ich aber nicht. Ich bin zu Haus...Ich habe damit nichts zu tun.“ Vier Wochen später wurde er als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorgruppe verhaftet. Er soll, so der Vorwurf die Ziele des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ und die rechtsextremistische Einstellung seiner Mitglieder geteilt haben. Die terroristischen Verbrechen der Vereinigung soll er zumindest billigend in Kauf genommen haben.

 

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2012

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