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"Antisemitismus nur begrenzt verbreitet"

21.03.2012 / Toulouse / Frankreich

Herr Grosser, erkennen Sie in den Anschlägen von Toulouse und Montauban ein Muster?

Solange unklar ist, ob der Täter auf die Soldaten geschossen hat, weil sie afrikanischer Abstammung waren oder weil sie als Fallschirmjäger gedient haben, ist nur das judenfeindliche Motiv offensichtlich. Sonst hätte der Anschlag einer anderen Schule gegolten.

 

Wie verbreitet ist der Antisemitismus in Frankreich?

Ich halte ihn für begrenzt, trotz mancher Umfragen, die durch ihre Fragestellungen etwas anderes suggerieren. Zwar klagen die jüdischen Verbände über Antisemitismus. Sie beziehen sich dabei aber vor allem auf die Kritik an der Politik des Staates Israel. Sonst spürt man in Frankreich wenig Feindseligkeit gegenüber Juden, weil unsere extreme Rechte seit dem Sechs-Tage-Krieg vom Antisemitismus auf den Antiislamismus umgeschwenkt ist.

 

Die fremdenfeindliche Strömung ist in andere Kanäle gelenkt worden?

Jean-Marie Le Pen hat gelegentlich schon noch judenfeindliche Witze gerissen. Aber das ist nichts im Vergleich zu den Angriffen auf den Islam, an denen sich unser Präsident wacker beteiligt.

 

In Deutschland wird viel über einen „Salon-Antisemitismus“ diskutiert – einen weithin akzeptierten Bodensatz, auf dem sich Gewalt entwickeln kann.

Ich glaube nicht, dass wir das in Frankreich haben. Es gibt hier eine scharfe Trennlinie: Da ist einerseits ein weithin verbreiteter Fremdenhass, der vom Präsidenten und noch mehr von seinem Innenminister aufs Furchtbarste geschürt wird. Andererseits stehen alle gemeinsam gegen den Antisemitismus. Die Unterbrechung des Wahlkampfs am Montag ist dafür ein schönes Zeichen. Nicolas Sarkozy und François Hollande stehen zusammen – im Namen der Republik. „La République“, das hat bei uns ja einen ganz anderen Klang als in Deutschland: Es ist das, was alle verbindet gegen die Extremisten.

 

Betrachten die Franzosen den Staat als die besondere Schutzmacht von Minderheiten, speziell der Juden?

Juden werden gar nicht erst als Minderheit gesehen. Die Idee eines „Zentralrats der Juden in Frankreich“ wie in Deutschland gibt es bei uns nicht. Man ist zuerst und vor allem Franzose – und nebenbei noch Jude, Armenier oder sonst etwas.

 

Hat das mit dem strengen Laizismus in Frankreich zu tun?

Nein. Juden gehören einfach zur Gesellschaft – einer Gesellschaft, die sich sehr selbstkritisch ihrer Mitschuld für die Judenverfolgung der Nazis stellt. Womöglich steht in Kürze ein Prozess gegen die französische Eisenbahngesellschaft SNCF bevor, weil die Verantwortlichen nichts gegen die Deportation der Juden unternommen haben.

 

Der Anschlag von Toulouse war der schlimmste, aber nicht der erste Anschlag auf Juden in Frankreich. Stimmt der Eindruck, dass der Schock in Frankreich fast noch größer ist, als er es in Deutschland wäre?

Mir kommt das auch so vor. Für die komplette Unterbrechung des Wahlkampfs zum Beispiel gibt es keinen Präzedenzfall.

 

Welchen Einfluss haben die Morde von Toulouse auf den Präsidentschaftswahlkampf? Wird Nicolas Sarkozy wieder einmal die Rolle des „starken Manns“ herauskehren?

Nicht des starken Manns, sondern des Staatsmanns. Er wird sich nicht mehr als Wahlkämpfer darzustellen versuchen, sondern als der Präsident, der die Republik schützt und alle Franzosen zusammenhält. Man darf aber nicht vergessen, dass er in den vergangenen Jahren alles getan hat, um fremdenfeindliche Stimmungen aufzupeitschen und die Differenzen zwischen Franzosen verschiedener Herkunft zu vergrößern.

 

Das könnte also die Gegenstrategie des Sozialisten François Hollande sein?

Klar, er könnte sagen, man muss sich doch nicht wundern, wenn die ständige Diskriminierung von Mitbürgern ausländischer Herkunft bei einigen wenigen zu gewalttätigem Hass führt.

 

Welche dieser Botschaften wird bei den Franzosen besser ankommen?

Schwer zu sagen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Marine Le Pen verstärkt unter Druck gerät. Denn auch wenn Nicolas Sarkozy ihr in puncto Fremdenfeindlichkeit Konkurrenz macht, ist es doch vor allem Le Pen, die unablässig gegen alle hetzt, die keine „echten Franzosen“ sind. Und ein versteckter Antisemitismus lässt sich auch bei ihr entdecken, obwohl sie immer das Gegenteil behauptet.

 

Sehen Sie nach den Anschlägen in Toulouse und Montauban die Notwendigkeit politischer oder gesellschaftlicher Konsequenzen?

Das Wichtigste ist, dass die Polizei ihre Arbeit macht. Ich glaube, sie arbeitet besser als die deutsche, weil sie nicht auf dem rechten Auge blind ist – und politisch motivierte Mörder nicht immer zuerst auf der Linken sucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Polizei den Täter nicht findet.

 

Das Gespräch führte Joachim Frank.

 

Quelle: Berliner Zeitung, 21.03.2012

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