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Bringt es was, mit Rechtsextremen zu diskutieren?

20.02.2008 / Pirna Über sein Engagement gegen Rechtsextremismus sprach die SZ mit dem Pirnaer Sozialarbeiter Peter Baldauf.

Herr Baldauf, Sie beschäftigen sich seit über 20 Jahren mit Jugendlichen und engagieren sich dabei immer wieder im Kampf gegen Rechtsextremismus. Wie schätzen Sie derzeit die Situation im Landkreis ein?

Es wird immer deutlicher, dass sich Rechtsextremismus auf zwei Ebenen abspielt. Es gibt zum einen die NPD mit ihrer Parteistruktur und zum anderen die freien Kameradschaften. Wir gehen davon aus, dass es im Landkreis etwa 200 Jugendliche in der rechtsextremistischen Szene gibt. Partei und Kameradschaften haben nicht direkt etwas miteinander zu tun, sie brauchen aber einander. Die NPD kann ohne die Kameradschaften zum Beispiel keinen Wahlkampf führen, dafür braucht sie das Fußvolk. Die jungen Leute kritisieren aber zunehmend, dass sie ausgenutzt werden. Nicht selten fühlen sie sich von der NPD verraten. Das kann man auf ihren eigenen Internetseiten nachlesen. Dort versuche ich, als Sozialarbeiter anzusetzen.

Inwiefern gelingt Ihnen das?

Ganz gut, die Jugendlichen haben da großen Diskussionsbedarf. Wenn man sie mit ihren Sorgen und Kritiken an den etablierten Parteien und speziell an der NPD ernst nimmt, kommt man mit ihnen intensiv ins Gespräch. Mir ist dann immer wichtig, generell die demokratischen Prozesse darzustellen. Es ist nun mal in unserer Gesellschaft nicht möglich, dass nur eine Seite ihre Ideen durchsetzt. Es muss Kompromisse geben. Das versuche ich darzustellen.

Bringt es denn überhaupt was, mit rechtsorientierten Jugendlichen zu diskutieren?

Es ist mein Credo, auf die jungen Leute zuzugehen, das Gespräch zu suchen. Natürlich muss man da in der Argumentation sattelfest sein. Denn gerade die Rechtsextremen haben in der Regel viel gelesen, sich mit ihren Themen intensiv beschäftigt. Aber sie nutzen dabei meist nur ihre eigenen Publikationen. Da muss man mit Fakten gegenhalten können.

Sind Sie dafür, Jugendclubs für Rechtsextremisten zu öffnen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Das muss man im Einzelfall entscheiden. Wenn eine Kameradschaft einen ganzen Club dominiert und instrumentalisiert, dann muss man reagieren und den Club vielleicht sogar schließen. Wenn aber nur einzelne Rechte die Einrichtung besuchen, sollte man sie keinesfalls ausgrenzen, sondern unterschiedliche Meinungen zulassen. Oft sind Jugendclubs mit solchen Entwicklungen jedoch überfordert, vor allem, wenn dort keine Sozialarbeiter aktiv sind. Deshalb plädiere ich dafür, die Jugendlichen in den Schulen abzuholen, dort mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Kann man noch mehr tun, als miteinander zu reden?

Positive Erfahrungen habe ich seit Jahren mit Fahrten zu Gedenkstätten gemacht. Der Besuch des KZ Buchenwald zum Beispiel regt zum Nachdenken an. Die Diskussion über den Holocaust, den viele Rechtsextremisten bekanntlich leugnen, ergibt sich dann von allein. Aber auch da gilt: Man muss Fakten kennen. Sinnvoll ist auch, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Ich habe es noch nie erlebt, dass Rechte deren Erlebnisse infrage stellen.

Im Landkreis hat sich in den letzten Jahren die Einstellung zum Umgang mit Rechtsextremismus geändert. Es gibt die Steuerungsgruppe Extremismus, Ansprechpartner wie die Zivilcourage, wachsamere Bürgermeister… Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg oder bleiben Wünsche offen?

Aus meiner Sicht ist die Vernetzung im Kreis viel besser geworden. Die einzelnen Initiativen und staatlichen Einrichtungen kennen einander. Man weiß, was man von wem erwarten kann. Wir Sozialarbeiter sind anerkannt. Es gibt Ansprechpartner vor Ort, Bürgermeister suchen auch mal Rat, kehren Probleme nicht mehr unter den Teppich. Insgesamt sind im Kreis Strukturen entstanden, sodass man agieren und reagieren kann. Da hat sich in den letzten zwei, drei Jahren viel getan. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mehr Sozialarbeiter beschäftigen. Wenn man die präventive Arbeit stärkt, kann man im Nachhinein viel sparen.

Das Gespräch führte Jana Klameth.

Quelle: www.sz-online.de (19.02.2008)

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