Prima, dass es die Aktion Zivilcourage in Pirna gibt. Euer unermüdliches Handeln für mehr Toleranz macht so vielen jungen Menschen Mut, aus eigenem Antrieb heraus aktiv zu werden und etwas zu bewegen. Weiter so!
Thomas Carl (Sänger und Komponist) aus Pirna
Vertreibung der Pirnaer Juden
Nach solcherart Erleben wird der Drang, dieses Land zu fliehen, mehr als verständlich. Binnen weniger Wochen verlassen fast alle jüdischen Einwohner die Stadt oder werden hinausgedrängt.
Frau Sophie oder richtiger Schifra Engler gerät seit Frühjahr 1933 immer stärker unter Druck mit ihren Passangelegenheiten. 1907 waren Englers aus der Bukowina als österreichische Staatsbürger nach Deutschland gekommen. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte ihr Ursprungsland zu Rumänien. Dessen Staatsbürgerschaft musste erst erworben werden. In Sachsen war selbst in der Weimarer Republik der Erwerb der Staatsbürgerschaft für "Ostjuden" erschwert. Vorausgesetzt war 30-jährige Ansässigkeit. Die hätte Frau Engler 1937 erreicht, aber nun waren die Nazis darauf aus, alle Juden, erst recht jene ohne deutsche Staatsbürgerschaft, aus Deutschland hinauszudrängen.
Viele Schriftstücke durchlaufen die Instanzen, ehe sich das rumänische Konsulat in Leipzig endlich für Englers zuständig erklärt. Jede halbjährlich zu beantragen Passverlängerung muss aber erkämpft werden und kostet Geld, das Frau Engler allein nicht aufbringen kann. Wie diese Frau, deren Ehemann 1923 verstorben war, sich und ihre drei Mädchen bei schlechtem Geschäftsgang überhaupt durchbringen konnte, ist schier unverständlich.
Zunehmende Bedrängnis, laufende Passprobleme, die Unmöglichkeit des Rückzugs in Anonymität, die in einer kleinen Stadt wie Pirna kaum gegeben war, in der zunehmend ein Klima des Antisemitismus von ihm Betroffene lähmte, all das nährt den Wunsch, möglichst bald auszureisen.
Zum 31. Mai 1938 stellt Schifra Engler ihre Geschäftstätigkeit ein und ersucht um Ausreise. Die örtliche Polizei muss dazu Stellung nehmen. Sie erhebt keine Einwände, zumal, wie es heißt, "die Engler, weil sie Jüdin ist, als politisch unzuverlässig bezeichnet werden muss...Da sie aber Jüdin ist, keinen Erwerb nachweisen kann und der öffentlichen Fürsorge zur Last fällt, kann die Ausstellung eines Wiedereinreisevermerks von hier aus nicht befürwortet werden."
Schätze haben die Englers in über dreißigjährigem Aufenthalt in Deutschland nicht erringen können, nicht einmal bescheidensten Wohlstand.
Nun will Frau Engler nicht nur, sie muss Deutschland verlassen - als nicht der deutschen Staatsbürgerschaft teilhaftige "Ostjüdin". Am 22. September 1938 wird ihr die Auflage erteilt, bis zum 15. Januar 1939 aus dem Lande zu gehen. Aber am Jahresende 1938 besitzt sie immer noch keine Einreiseerlaubnis nach Rumänien.
Da wird die Abschiebung in die Wege geleitet. Die Pirnaer Behörden handeln bis Mitte Februar in einem mehrteiligen Briefwechsel schließlich den Polizeiposten Lobositz als Abschiebestelle aus. Frau Engler aber hat die Stadt am 10. Februar 1939 bereits verlassen. Sie ist zu ihrer Tochter Marie nach Dresden gegangen, mit deren Familie, gleichfalls von der Ausweisung betroffen, sie in der Nacht vom 15. zum 16. Februar Deutschland in Richtung Polen verlässt. Oberbürgermeister Dr. Brunner spricht am 14.2.1939 das Aufenthaltsverbot aus, das die offizielle Reichsverweisung zur Folge hat.[58]
In Sicherheit waren Frau Engler, ihre Töchter und deren Familien keinesfalls. Nach Kriegsbeginn kommen sie in Südostpolen unter sowjetische Herrschaft, aber schon im Juli 1941, nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, ereilt sie die nun zur Ausrottungspolitik eskalierende Judenverfolgung der Nazis. Schifra Engler , ihre Tochter Anna, deren Ehemann Hersch Rinner und ihr Sohn Joachim fallen Erschießungskommandos der SS zum Opfer. Marie, deren Ehemann und weitere Anverwandte kommen im Warschauer Ghetto um.[59]
Frau Engler ging also nicht in ihre ursprüngliche Heimat nach Rumänien zurück, sondern blieb bei Verwandten in Südostpolen. Aber auch in Rumänien wäre sie mit Sicherheit in die Mühlen der faschistischen "Endlösung" geraten. Bereits zwischen September und November 1941 lief die Abschiebung aus der rumänischen Bukowina in die Vernichtungslager am Dnjestr - in Übereinstimmung zwischen dem Hitlerregime und der rumänischen Militärdiktatur unter Antonescu. Von den einst 185 000 jüdischen Menschen in diesem Gebiet blieben bis zum 20.5.1942 noch 14 000 am Leben. Auch sie sind den unmenschlichen Verhältnissen in den Lagern fast vollständig zum Opfer gefallen.[60]
Ilse Fischer, geb. Engler und ihrem Manne gelingt es unterzutauchen und sich Ausweispapiere für "Volksdeutsche" zu verschaffen. Ilse bringt in diesen erregenden, mörderischen Tagen am 20. August 1941 ihre Tochter Renate zur Welt. Sie hat dabei unverhofftes Glück: Ein humaner deutscher Offizier, der ihre Identität zumindest ahnt, bringt sie ins Krankenhaus und hilft ihr und ihrem Mann auch weiter. Erfreuen kann sich Ilse Fischer an ihrer kleinen Tochter nicht lange. Die ständige Gefahr, als Jüdin identifiziert zu werden und in die Tötungsmaschinerie zu geraten, drängt nach Rettung des Kindes. Es wird einer Polin anvertraut; aus der kleinen Renate wird Renia Tarsonska. Sie kommt in die Obhut des katholischen Felicianerordens, in dessen Kloster sie den Krieg überlebt.
Im Oktober/November 1942 setzen Ilse Fischer und ihr Ehemann Arno ihre Odyssee fort, die hier im einzelnen zu schildern zu weit führte. Nur die Stationen seien angedeutet: Unterschlupf bei der "Organisation Todt" im Raum Rostow am Don als "hilfswillige Volksdeutsche", dann nach Odessa, wo Ilse als Schreibhilfe in einem Frontlazarett Unterschlupf findet, aber von ihrem Mann getrennt wird, der mit seiner Dienststelle weiter muss; schließlich Lazarettverlegung und Flucht ins Rumänische, Befreiung, aber erneute Gefährdung, da kurzzeitig der Spionage verdächtigt. Endlich, auf vielen Um- und Nebenwegen, gelangt Ilse Fischer nach Lublin, wo sie ihre Tochter findet und bald auch ihren Mann. Es grenzt schon an eine Reihe von Wundern, dass diese überlebt haben, dank vieler helfender Menschen, die sich in dieser mörderischen Zeit ihr Menschsein erhielten, aber dank auch ihres unbändigen Lebenswillens, der diese jüdische Kleinfamilie bedingungslos füreinander einstehen ließ.[61]
Wenden wir uns einem anderen Schicksal zu, dem der Familie Jurmann. Nach Geschäftsaufgabe Ende 1938, der Liquidation der Warenbestände, Einrichtungen und Finanzen unter der Regie des dazu bestellten Rechtsanwalts J. wird Wolf Jurmann am 14. Januar 1939 aus der "Schutzhaft" in Buchenwald entlassen. Aber in Pirna können Jurmanns nicht bleiben. Nazipartei und Behörden frönen dem Ehrgeiz, die Stadt möglichst rasch "judenfrei" zu machen.
So wickelt Wolf Jurmann alles Notwendige überhastet ab. Die persönlichen Namenserklärungen (Zusätze Israel bzw. Sara) gibt er für sich, seine Ehefrau und seinen Sohn Manfred am 20.1.1939 ab. Am 28.1. zieht die Familie nach Dresden.[62]
In verzweifelter Suche nach einem aufnehmenden Land gehen Briefe nach Brasilien, Mexiko, Guatemala, in die USA, nach England usw. Im August 1939 reist Wolf Jurmann schließlich nach England, um dort für die Seinen den Boden zu bereiten. Da kommt aber am 1. September 1939 der Kriegsausbruch.
Die Familie sitzt in Dresden gefangen, ihr Oberhaupt sitzt in London fest - keine Verbindung zwischen ihnen ist während des Krieges möglich.
Wie alle anderen Dresdner Juden erleben auch Frau Jurmann und ihre Söhne jenes Ereignis, das Victor Klemperer so beschreibt:
"Ich frage mich heute wieder, was ich mich, was ich die verschiedensten anderen schon Hunderte von Malen gefragt habe: welches war der schwerste Tag der Juden in den zwölf Höllenjahren? Nie habe ich von mir, nie von anderen eine andere Antwort erhalten als diese: der 19. September 1941.
Von da an war der Judenstern zu tragen, der sechszackige Davidsstern, der Lappen in der gelben Farbe, der heute noch Pest und Quarantäne bedeutet, und die im Mittelalter die Kennfarbe der Juden war, die Farbe des Neides und der ins Blut getretenen Galle, die Farbe des zu meidenden Bösen; der gelbe Lappen mit dem schwarzen Aufdruck "Jude", das Wort umrahmt von den Linien der ineinandergeschobenen Dreiecke, das Wort aus dicken Buchstaben gebildet, die in ihrer Isoliertheit und in der breiten Überbetontheit ihrer Horizontalen hebräische Schriftzeichen vortäuschen."[63]
Wo sie sich außerhalb ihrer vier Wände auch immer aufhalten, stets stehen sie am Pranger, der straflosen Willkür ausgesetzt. Vier Monate nach diesem Tag, am 20. Januar 1942, beginnt, wie für viele andere Dresdner Juden, der schreckliche Leidensweg einem nächsten Höhepunkt zuzustreben. In eisiger Kälte werden sie im Evakuierungstransport in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens verfrachtet.[64] Frau Jurmann und ihre beiden Söhne gelangen ins Ghetto von Riga. Die SS hat für sie Platz geschaffen, indem sie dort vordem untergebrachte lettische Juden erschlug oder erschoss. Deren Blut färbte immer noch bei Ankunft der Dresdner die Straßen, die Fußböden und umherliegenden Kleidungsstücke in den Wohnungen. Sehr detailliert beschreibt Esra Jurmann Lebensweise und Lebensorganisation im Ghetto, die Arbeitsverhältnisse, die Ernährung, die Beziehungen der Bewohner untereinander, geprägt von solidarischem Verhalten aber auch von Korruption in der sich herausbildenden Hierarchie - alles in verzweifeltem Überlebenskampf unter täglicher Todesfurcht.
Die Hölle von Ghetto und KZ überlebte Esra Jurmann. Seine Mutter kam in ihr um. Darüber berichtet Esra Jurmann:
„Meine Mutter wurde auf einer ...Aktion (aus dem Lager Strasdenhof bei Riga) weggeführt und - wie das unter den Nazis üblich war - die Kleider der Ermordeten wurden dann zurückgebracht zum Aussortieren. Das mussten unsere Gefangenen machen, damit wir uns auch keinen Illusionen hingeben konnten, was mit den Leuten eventuell geschehen war. Einen ziemlich ausgefallenen Schal, den meine Mutter getragen hatte, erkannte ich wieder. Ein Mädchen trug ihn um ihren Kopf. Da wußte ich, was ich davon zu halten hatte.“[65]
Seinen Bruder verlor er im Außenlager Burggraben des KZ Stutthof. Von dort gingen bei Annäherung der Front Evakuierungstransporte ab. Bei einem war sein Bruder dabei.
„Ich wurde beordert zurückzubleiben, berichtet Esra, es wurde gesagt, wir würden am Abend diesem Transport folgen. Das ist nie geschehen...Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich heute noch hier bin. Von dem Transport, der damals wegging, es waren über tausend Leute, gibt es, soweit ich heute weiß, sechs Überlebende. Mein Bruder war nicht dabei.“[66]
Esra gelangte nach seiner Befreiung durch die Truppen der Roten Armee quer durch Europa zu seinem Vater. Er lebt heute in London. 27 seiner Verwandten sind dem faschistischen Völkermord an den Juden zum Opfer gefallen.[67]
Weniger erregend, aber auf seine Weise bezeichnend ist das Schicksal der Familie Heß. Die seit 1895 in Pirna bestehende Chemische Fabrik befindet sich in den dreißiger Jahren in der Regie des hier 1898 geborenen Gründersohns Manfred Heß, Vater zweier 1925 (Ursula) und 193O (Luise Annette) geborener Töchter. Über das Unternehmen erfahren wir aus einem Aufsatz :
"Eine bekannte Firma des chemischen Geschäftszweiges ist die chemische Fabrik feiner Schwarz- und der wichtigsten Öllacke von Gustav Heß. Kaum ein Telefon oder ein photographischer Apparat und kein Eisernes Kreuz ist ohne Heß-Lack aus den Herstellungswerkstätten herausgegangen. Heß-Lacke haben von jeher dazu beigetragen, den guten Ruf der deutschen (!) Qualitätsarbeit im Auslande zu verbreiten, da selbst Länder mit hochwertiger Lackindustrie wie England und Japan Heß-Lacke in großen Mengen importieren."[68]
Die Fabrik war ein spezialisiertes Kleinunternehmen, wies nie mehr als 40 Arbeitskräfte auf und lag am Postweg 49. Am Postweg 64 befindet sich die Heß-Villa, die bis vor wenigen Jahren als Klubhaus des Kunstseidenwerks genutzt wurde.
Obwohl das Unternehmen wirtschaftlich gut situiert war und auch die Weltwirtschaftskrise relativ unbeschadet überstanden hatte, beginnt Manfred Heß bereits 1936 Möglichkeiten und Bedingungen einer Aussiedlung aus Deutschland zu prüfen. Sofort wittert die Gestapo hier die "Gefahr der Vermögensverschleppung jüdischen Eigentums ins Ausland". Heß hatte in einer anonymen Anzeige in der international beachteten "Farbenzeitung" das Unternehmen zum Tausch angeboten. Alle Regungen in dieser Richtung werden von nun an scharf überwacht und registriert, so z.B. die Einstellung einer Englisch-Lehrerin, und vom Abschluss einer hohen Lebensversicherung im Ausland ist die Rede. Im Sommer 1938 nehmen die Ausreisepläne Gestalt an. Jedoch, so in Ruhe und Ordnung sollte sich der Auszug der Familie Heß aus Deutschland nicht vollziehen lassen.
Anfang Oktober 1938 konfisziert die Polizei bei Heß 3 Jagdgewehre, 2 Ersatzläufe und verschiedene Patronen. Umgehend erhebt er bei der Kreishauptmannschaft Beschwerde. Die wird als unbegründet und kostenpflichtig abgewiesen. Am 9.11. nimmt die Polizei bei Heß die Beschlagnahme einer Mauserpistole und 25 Schuß mit der Begründung vor, "dass er nicht auf dem Boden der nationalen Regierung steht und für diese somit eine Gefahr bildet." Nachgereicht wird durch den Oberbürgermeister die Aufforderung, auch andere Hieb- und Stichwaffen abzuliefern. Heß übergibt daraufhin zwei private Seitengewehre (Dolche) und 21 Patronen. Er zeigt gleichzeitig noch den Besitz einiger Jagdgewehre an. Er verwahrt sich gegen die Behauptung, dass er sich "staatsfeindlich betätigt habe und durch mich eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu befürchten sei."
Er stellt fest: "Sie konfiszieren lediglich, weil ich Jude bin, entschädigungslos meine Eigentumswaffen, mit welchen ich im Kriege für Deutschland und nach dem Kriege im Freikorps Epp gekämpft habe." In der Tat hatte der Einjährigfreiwillige über den Krieg hinaus noch an der militärischen Niederschlagung der Bayrischen Räterepublik teilgenommen. Das allerdings zählt nun nicht mehr. Am 10.11. wird Manfred Heß in Haft genommen und kommt über Dresden nach Buchenwald. Dort wird er bereits am 29.11. entlassen. Der Dezember ist durch überstürzt wirkende Auflösung von Betrieb und Hausstand geprägt.[69]
Der Verkauf des Betriebes an die Dresdner Firma Gleitsmann wird nicht genehmigt, aber ein Neuer steht schon vor der Tür, als Interessent und mit ausdrücklicher Förderung durch den "Kreiswirtschaftsberater" der NSDAP namens Maienhofer: Richard Dreßler aus Stadt Wehlen. Ein Gutachten über das betriebliche und private Gesamtvermögen wird beigezogen. Wir erhalten daraus Auskünfte über Grundbesitz, Umsätze und Gesamtgewinne über mehrere Jahre hinweg. Der Kaufvertrag kommt am 23. Januar 1939 zustande. Dreßler "erwirbt" den Betrieb und das Anwesen für einen Bruchteil des wirklichen Werts.[70]
Lange erfreut er sich nicht daran. 1946 wird er als Nazi und Arisierungsgewinnler enteignet.[71]
Manfred Heß hat die Kaufsumme nicht erhalten, denn da fiel die "Reichsfluchtsteuer" an und andere Abgaben, die für solche Fälle ersonnen waren, und was dann noch übrig blieb, musste auf Sperrkonto deponiert werden. Für "gebrauchtes Umzugsgut", das vorher genau auf seine Gebrauchtheit überprüft wurde, erhält Manfred Heß ein Übersiedlungsattest.
Bevor er übersiedelt, muss er, hinausgedrängt aus Pirna, einen Zwischenaufenthalt bei seiner Mutter in Dresden einlegen. Noch am 21.7.1939 fordert er die Herausgabe seines privaten Laboratoriums und von Büchern aus seinem Wohnhaus. Das wird verwehrt. Das Laboratorium bleibt bis 1942 versiegelt als "in amerikanischem Besitz befindlich", woraus folgt, dass man annahm, Heß wäre in die USA gegangen.
Die Familie Heß emigrierte nach England. Dazu schreibt Ursula Wellemin:
"Mein Vater war ein bekannter Chemiker und unsere Fabrik war im Ausland bekannt.
Ein Vetter, der in England Medizin studierte, fand eine Schule für uns Kinder. Wir emigrierten im Juni 1939 mit einer Tante, der Mutter dieses Vetters, aber ohne unsere Eltern, die erst ihren Paß eine Woche vor Kriegsausbruch bekamen und dann glücklicherweise nach England kamen."[72]
Ernst Noack erreichte mit seiner Ehefrau Palästina und wurde dort nach dem Krieg durch Wolf und Esra Jurmann besucht.[73]
Bruno Freymann verließ am 29.4.1939 Pirna mit seiner Ehefrau und seinen Kindern Marion und Heinz Joachim. Sie mussten dem fortgesetztem Druck weichen und erhielten durch die jüdische Gemeinde in Dresden in der Kurfürstenstraße 6 bei der Familie Goldschmidt eine bescheidene Wohnung.
Heinz Joachim Freymann berichtet:
"Da meine Mutter Christin, oder wie es damals so schön hieß, Arierin war, lebten meine Eltern in einer sogenannten privilegierten Ehe, was uns aber nicht vor weiteren Wohnungsdurchsuchungen seitens der Gestapo bewahrte.
Mein Vater durfte sich nicht außerhalb der Stadtgrenzen Dresdens aufhalten und durfte von 19 Uhr abends bis 7 Uhr morgens die Wohnung nicht verlassen, was in unregelmäßigen Abständen von der Polizei kontrolliert wurde. Außerdem bekam er während der Lebensmittelbewirtschaftung im Kriege weder Fleisch- noch Tabakmarken und war von allen Sonderzuteilungen ausgeschlossen. Als die großen Deportationen nach Osten begannen, gab es für uns erneut erhebliche Probleme, als man versuchte, meinem Vater die deutsche Staatsbürgerschaft abzuerkennen, um ihn ebenfalls abschieben zu können. In einem langwierigen Verfahren konnte das aber verhindert werden. So hat mein Vater zwar den Nationalsozialismus überstanden, starb aber Anfang 1946 als seelisch und körperlich gebrochener Mann, der sich nicht mehr erholen konnte."[74]
Wie Victor Klemperer war Bruno Freymann 1943 zur Arbeit in der Firma Willy Schlüter in der Wormser Straße 30c in Dresden zwangsverpflichtet. Tee wurde dort abgewogen und in Tüten verpackt. In Klemperers Tagebüchern begegnet uns Freymann an zwei Stellen:
Radiohören war den Juden dort wie überall verboten, aber eines Tages kam eine Arbeiterin, die das Radio anstellte. Es "spielte etwas Klassisches, mir Unbekanntes. Der Mann mit der viertel Sehkraft und der halben Lunge und der viertel Hörstärke und der flüsternden Stimme, die Ruine Freymann neben mir, flüsterte: 'Beethoven ist doch das Schönste.' Ich stimmte ihm bei."
Klemperer notierte Angaben zu jenen, mit denen er arbeitete:
"Freymann, die zartfühlende Ruine mit den wissenschaftlichen Interessen, vordem Filialleiter von Messow und Waldschmidt...,jammervoll sterbender Fünfziger, als dauernd d.u. (dienstunfähig) ausgeschieden."[75]
Bruno Freymann dürfte das gleiche erlebt haben wie Victor Klemperer, von dem wir erfahren, dass am 16. Februar 1945 als letzter Schritt der Judenverfolgung in Dresden die "Mischehen" getrennt werden sollten. Die letzten etwa 70 überlebenden Dresdner "Sternträger" erhielten Order zum Transport in den sicheren Tod. Der Untergang Dresdens am 13. Februar bedeutete also für Klemperer, Freymann und die anderen die Rettung. Das "Judenhaus" in der Zeughausstraße stand nach wenigen Minuten in Flammen. Da riss Klemperer den Stern herunter und entkam den Häschern.[76]
Wie bereits vermerkt, verstarb Adolf Kaminsky 1935, seine Ehefrau verzog nach Berlin.
Fast vier Jahre nach ihrem Wegzug aus Pirna muss sich Frau Rosalie Kaminsky doch noch einmal an die hiesigen Behörden wenden. Sie will Deutschland verlassen und zu ihrem Sohn nach Argentinien auswandern. Dazu benötigt sie eine Geburtsschein-Abschrift für ihren in Pirna 1898 geborenen Sohn Walter. Die beantragt sie nun.
Ihre Ausstellung lehnt das Pirnaer Standesamt ab, und zwar mit der Begründung, Walter Kaminsky habe "sich nach Auskunft der politischen Polizei im Ausland deutschfeindlich betätigt."
Daran schließt sich ein Schriftwechsel, der von der Argumentation her aufschlussreich ist, der aber auch belegt, unter welchen finanziellen Bedingungen Ausreisen von Juden aus Deutschland erfolgten.
Der von Frau Kaminsky beauftragte Rechtsanwalt will die Ausstellung eines Geburtsscheins unbedingt erwirken und lässt die Pirnaer wissen, dass sich Walter Kaminsky bereits seit 14 Jahren in Argentinien befindet und seine Mutter nachholen wolle. Eine deutschfeindliche Betätigung wird entschieden bestritten.
Der Rechtsanwalt verweist auf das Finanzamt, das Frau Kaminsky bereits zu 37 000 RM Reichsfluchtsteuer veranlagt habe, und er schreibt weiter:
"Da zudem den auswandernden Juden von dem verbleibenden Vermögen durch die Deutsche Golddiskontobank nur ein Betrag von 6 % in Devisen ausgezahlt wird, würden die übrigen 94 % bei Verhinderung einer Ausreise der Frau Kaminsky der deutschen Volksgemeinschaft weiter verlorengehen."
Auch diese Begründung bewegt die Pirnaer Stadtverwaltung nicht, ihre Entscheidung zu überdenken.
Die angeforderte Urkunde wird schließlich auch nicht mehr benötigt, weil die argentinische Botschaft andere Dokumente als hinreichend anerkennt.[77]
Aus dem Vorgang wird aber deutlich, welch hohe Auswanderungssteuer, Reichsfluchtsteuer genannt,[78] zu entrichten war und in welchem Ausmaß jüdisches Vermögen bei einer Auswanderung geraubt wurde. Immerhin wird aus diesem Fall aber auch erhellt, dass die damals bereits 65-jährige Rosalie Kaminsky Deutschland noch vor Kriegsbeginn verlassen konnte.
Erhalten geblieben ist eine Akte, in der all jene Schreiben aufbewahrt sind, in denen in Pirna Geborene die Annahme der Zwangsvornamen Sara bzw. Israel anzeigten oder beantragten. Das mussten ja alle Jüdinnen und Juden, die am 1.1.1939 noch in Deutschland lebten.
Wenn wir davon ausgehen könnten, dass diese Unterlagen vollständig sind, dann hätten von den genau 30 in Pirna Geborenen, aber nicht mehr hier Ansässigen, zu Jahresbeginn 1939 nur noch 8 in Deutschland gewohnt, und zwar Alice Eichtersheimer, geb. Linz (1899) in Karlsruhe, Manfred Heß (1898) in Pirna, Eduard Joachim Neumann (1900) in Dresden, Käte Meyer, geb. Kaminsky (1900) in Berlin, Albert Prinz (1883) in Mannheim, Dr. Hugo Rosam (1890) in Stuttgart, Gertrud Samson, geb. Linz (1902) in Frankfurt/Main und Rosa Schäfer, geb. Ikenberg (1889) in Dresden (in Klammern die Geburtsjahre).
Albert Prinz bat um ein Geburtsscheinduplikat "für Auswanderungszwecke", dürfte also auch bis Kriegsausbruch ausgewandert sein.[79]
Am 22. Juni 1939 berichtete der Pirnaer Anzeiger[80] von einem „Rassenschänderprozess“ in Dresden. Angeklagt war der am 25.9.1900 in Pirna geborene Joachim Eduard Israel Neumann wegen fortgesetzten Verbrechens der Rassenschade. Neumann lebte nach seiner Scheidung mit einer „arischen“ Lebensgefährtin in nichtehelicher Gemeinschaft und setzte diese auch nach dem 1935 verkündeten Blutschutzgesetz in aller Heimlichkeit fort, wobei beide nicht mehr unmittelbar zusammenlebten. Bereits 1937 war gegen ihn ein Strafverfahren eingeleitet worden, das aber eingestellt werden musste, „da sowohl der Jude, als auch die artvergessene Frau leugneten und keine greifbaren Beweise vorhanden waren.“ Als er sich im August 1938 seiner Gefährtin erneut näherte, wurde er „nach Hinweisen scharf überwacht und am 1. März 1939 durch die Geheime Staatspolizei in der Wohnung der Geliebten überrascht und festgenommen.“ Die Strafe: Drei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrenrechtsverlust! Das dürfte für Joachim Neumann das Todesurteil gewesen sein. Selbst wenn er 1942 die drei Jahre hinter sich gebracht hätte, auf eine Entlassung konnte er nicht rechnen. Wenn er nicht schon vorher in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager überstellt war, dann geschah das mit Sicherheit am Tage der Entlassung aus dem Zuchthaus.
Im Mai 1939 gab es eine Volkszählung. In ihrem Ergebnis wurden auch alle Juden und "Mischlinge" besonders erfasst. Danach lebten zu dieser Zeit noch in Pirna-Copitz der vordem in der Landesanstalt Sonnenstein registrierte Otto Steinberg und im Kreisheim des Landkreises Pirna (heute Landratsamt) die 1877 geborene Rosa Dietrich.[81] Über beide fanden sich keinerlei weitere Unterlagen, die über ihre Herkunft und ihr weiteres Schicksal Auskunft geben könnten.
Erfasst wurden weiterhin 4 "Mischlinge" 1.Grades und 7 2.Grades. In welcher Weise sie unter der nazistischen Judenverfolgung litten, ist nicht bekannt.




























































































































