Selbstverständliches auch alltäglich machen, so sehe ich das Ziel der Aktion Zivilcourage. Durch Bildung zu Verantwortung und vernünftiger Toleranz statt Gleichgültigkeit und Extremismus ist dabei nur ein Baustein. Vielfalt statt Einfalt!
Thomas Eichhorn aus Darmstadt
Schluss
Weit über 50 Millionen Menschen brachte der deutsche Faschismus und der von ihm ausgelöste zweite Weltkrieg um ihr Leben. In dieser das Vorstellungsvermögen völlig überfordernden Größe haben die annähernd sechs Millionen getöteten Juden einen besonderen Platz, sollten sie doch gezielt als Volk vernichtet werden. Das eigentlich nur statistisch faßbare Ausmaß dieser wie anderer Opfergruppen verdeckt die vielen Einzelschicksale.
Wir folgten in einem überschaubaren Raum, wie unserer relativ kleinen Stadt Pirna, den auffindbaren Spuren der hier einmal ansässig gewesenen jüdischen Familien. Selbst das Wenige hier Erschlossene lässt beinahe alle Seiten und Formen jüdischen Lebens und Leidens zugänglich werden: Den latenten und nur zeitweise aufblitzenden Antisemitismus vor 1933, die sofort nach der Machtübernahme der NSDAP einsetzenden Boykottmaßnahmen, die bald alltägliche Gehässigkeit und zunehmende Gefährdung, die Zug um Zug voranschreitende Ausgrenzung, den Novemberpogrom von 1938, den Terror, die Verdrängung aus der Stadt, schließlich die Vernichtung einiger, die hier einmal lebten.
Die in Pirna wie in anderen Teilen Deutschlands früher ansässigen Juden gehörten unterschiedlichen sozialen Schichten an. Sie vertraten politisch verschiedene Auffassungen. Die reichten vom Arbeiter und Kommunisten Noack bis zum Unternehmer und Freikorps-Kämpfer Heß. Sie standen auch untereinander kaum oder nur locker in Verbindung. Auch ihre religiösen Bindungen variierten stark. Viele fühlten sich vor 1933 als vollgültige Deutsche. Emanzipation und Liberalisierung seit dem vergangenen Jahrhundert, lange herbeigesehnt und schrittweise erkämpft, förderten bei einer wachsenden Zahl die Bereitschaft, in diesem Volke hier aufzugehen, viele ohne sich vom alten Glauben zu verabschieden. Alle waren sie ganz normale Menschen, mit starken wie mit schwachen Seiten, unterschiedlichen Charakters und Temperaments, mit Haltungen und Handlungen, wie man sie allerorts im Lande treffen konnte.
Die Nazis jedoch brandmarkten sie als den für alle Übel schlechthin verantwortlichen Aussatz. "Der Jude", dieser in der verabsolutierten Einzahl allen aufgeprägte Stempel verwies sie einem gleichen Geschick: Sie alle waren hinfort drangsaliert, entrechtet, entwürdigt, enteignet, verdrängt, vertrieben und, sofern sie in Deutschland verblieben, in zunehmender Lebensgefährdung.
Amalie Cohn, Schifra Engler, ihre Töchter Anna und Marie, Berta und Manfred Jurmann wissen wir unter den Opfern des nazistischen Völkermords an den Juden.
Die Erinnerung an sie, an die Pirnaer Juden überhaupt, sollten wir in uns aufnehmen und bewahren, weniger wegen einer nicht recht faßbaren Schuld der heute Lebenden, sondern für einen geschärften Blick auf Verantwortung, die es jetzt und künftig wahrzunehmen gilt.




























































































































