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Pirna und die "Endlösung der Judenfrage"

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Am 28. Juli 1941 verließ ein Zug mit etwa 575 Häftlingen das Konzentrationslager Auschwitz. Seit Mai 1941 war im Lager eine Selektionskommission tätig, die kranke und gebrechliche Häftlinge in Listen erfasste, um sie in ein „Sanatorium“ bei Dresden zu überführen, wo sie angeblich wiederhergestellt werden sollten. Maßgeblich an Untersuchung und Auswahl beteiligt war Dr. Horst Schumann, Leiter der „Euthanasie“-Tötungsanstalt Sonnenstein. Alle diese Auschwitz-Häftlinge, es waren Juden und Polen, wurden sofort nach ihrer Ankunft auf dem Sonnenstein vergast und verbrannt.[82]

Bevor die Tötungs-Maschinerie in den Vernichtungslagern des Ostens (Auschwitz, Treblinka, Belzec, Sobibor, Maidanek) installiert war, übernahmen einige der Euthanasie-Anstalten die Tötung ausgesonderter und nicht mehr hinreichend arbeitsfähiger Häftlinge.

Es war deshalb nur folgerichtig, dass auch das Personal der im Spätsommer 1941 auslaufenden ersten großen Welle der Tötung geistig Behinderter danach in den Massenmordstätten im Osten einen neuen Einsatz fand. In Auschwitz unternahm Dr. Schumann mörderische Versuche für eine Massensterilisation mittels Röntgenstrahlen. Der Sonnensteiner Standesbeamte Gottlieb Hering brachte es zum Kommandanten von Belzec; dort fanden sich auch Sonnensteiner „Brenner“ wie Arthur Dachsel und Rudi Kamm ein. Der aus Dohna stammende Polizeihauptwachtmeister Arthur Walther, Wirtschaftsleiter in der Tötungsanstalt Sonnenstein, war nachher in Sobibor tätig, wie auch der Leiter der Fahrzeugkolonne Paul Rost und der Büroleiter Haunstein, ferner die Sonnensteiner Erich Schulz, Wenzel Rehwald, Kurt Bolender, Erich Dietze. Gustav Münzberger wandte in Treblinka seine auf dem Sonnenstein erworbenen Kenntnisse bei der Vergasung Tausender jüdischer Menschen an.[83]

In den letzten Monaten des Nazireichs wird Pirna zum Durchgangsort mindestens eines Evakuierungstransports von Juden per Eisenbahn.

Im Vernichtungs-KZ Auschwitz fand, nach Beginn der sowjetischen Januaroffensive am 17.1.1945, der letzte Zählappell statt.[84] Danach befanden sich in den drei Hauptlagern Auschwitz, Birkenau und Monowitz einschließlich der Nebenlager noch 67.012 Häftlinge. Sie, die bis zu diesem Zeitpunkt Sklavenarbeit in den für den Krieg produzierenden Unternehmen der IG-Farben und anderer privater Großunternehmen leisteten, sollen alle evakuiert, die nicht mehr arbeits- und transportfähigen "liquidiert" werden. Innerhalb von etwa einer Woche gingen mindestens 20 Transporte von Auschwitz ab.

Am 27. Januar sprengte die SS in den Frühstunden das letzte Krematorium, am Nachmittag befreiten sowjetische Truppen das Lager, in dem noch über 7000 Häftlinge überlebt hatten.
Die Evakuierungstransporte waren zwischen drei Tagen und einer Woche unterwegs. Zu dieser Zeit herrschten strenge Fröste, zeitweise waren es -20° und noch darunter. Für die Verpflegung unterwegs war nicht oder nur unzureichend gesorgt worden.

"Auf einigen Zügen wurden die Gefangenen in offene Güterwagen gepfercht, in denen sie Schnee aßen und aus denen sie die unterwegs Gestorbenen hinauswarfen", schreibt Hilberg.[85]
Ein solcher Transport kam am 27. Januar 1945 durch Pirna. Über ihn unterrichten uns kriminalpolizeiliche Untersuchungen und Vernehmungen, die im September 1945 protokolliert wurden.

Am 27.1. gegen 13 Uhr erfährt der Eisenbahnoberinspektor Herbert D. von einem Sonderzug mit jüdischen KZ-Häftlingen, der aus dem Protektorat (Böhmen und Mähren) in Richtung Dresden verkehre. Aus diesem Zug würden unterwegs tote Häftlinge herausgeworfen. Er wäre schon einige Tage unterwegs und die Häftlinge infolge der Strapazen sehr geschwächt. D. ordnet die "beschleunigte Weiterleitung des Zuges an, dessen Ziel Oranienburg bei Berlin" ist, wie er vom Bahnhof Bodenbach informiert wird. Gegen 16 Uhr durchfährt er den Bahnhof Pirna und legt in Heidenau-Süd einen Zwischenhalt ein, wobei die Lokomotive gewechselt wird. Dort sollte auch Verpflegung verteilt werden, die jedoch nicht eingetroffen war. So erhalten die noch Lebenden lediglich warmes Wasser.

D., der den Zug bei der Durchfahrt beobachtete, gab zu Protokoll:
"Der Zug bestand aus etwa 50 offenen und einem gedeckten Güterwagen. Die Häftlinge waren etwa zu 50 Mann in jedem Wagen untergebracht. Zum Schutz (gegen ) Kälte hatten sie ihre Decken umgehangen. Unter den Häftlingen befanden sich auch mehrere Frauen. Wie ich gesehen habe, befand sich auf jedem 10. oder 12. Wagen ein SS-Mann."

D. erhält die Mitteilung, dass an der Strecke zwischen Mittelgrund und Pirna 17 Tote aus dem Zug geworfen worden sind. Er ordnet an, dass der in Außig eingesetzte Sondergüterzug, der die Leichen zwischen Lobositz und Bodenbach einsammelte, nach Pirna weiterfährt und dabei auch die Toten auf der Strecke bis zum Pirnaer Bahnhof aufnimmt.

Dieser 3 Waggons starke Zug mit insgesamt 73 Leichen, einige von anderen Zügen inzwischen zerstückelt, trifft am Sonntag, dem 28.1., gegen 16 Uhr, in Pirna ein. Friedhofswärter W., Bestattungsordner W., die Polizeidienststelle und der Superintendent waren unterdessen verständigt worden.

Die Reichsbahn stellte zum Einsammeln der Leichen sowjetische Kriegsgefangene ab. Acht von ihnen waren abkommandiert, um auf dem Friedhof ein Massengrab in den gefrorenen Boden zu hacken und auszuheben. Es war mit 5 m Länge und 1,80 m Tiefe zu gering bemessen, weil ursprünglich nur von ca. 35 Leichen die Rede war. So musste dichter in drei Lagen gestapelt werden. Die Toten waren völlig unterernährt und steif gefroren, trugen Häftlingskleidung, vielfach "fast zerlumpt und zum Teil fast völlig entblößt". Keiner hatte Ausweise oder sonstige Papiere bei sich. Niemand konnte identifiziert werden.[86]

Wer waren sie, wie gelangten sie in die mörderische Maschinerie des Hitlerfaschismus, was erlitten sie, ehe sie auf diesem letzten Transportweg verhungerten und erfroren?

Auf dem Friedhof an der Dippoldiswalder Straße kündet eine Aufschrift:

DEM GEDENKEN VON 80 HÄFTLINGEN VERSCHIEDENER NATIONEN! SIE STARBEN AUF DEM TRANSPORT VON EINEM KONZENTRATIONSLAGER IN DAS ANDERE 1945.[87]

Mehrfach durchzogen Evakuierungskolonnen aus Konzentrationslagern unsere Stadt und das Kreisgebiet.
Zu den 73 Toten aus dem Bahntransport vom 27.1. kamen in den folgenden Wochen weitere hinzu.

Im September 1945 gibt der Verwalter der Fronfeste Paul M. zu Protokoll:
"Am 17.2.1945, nachmittags gegen 15 Uhr, erschien vor dem Grundstück Schmiedestr. 8, Städt. Obdachlosenheim, ein Tafelwagen, der mit einer Plane überdeckt war. Der Begleiter dieses Fahrzeuges, den ich nicht kenne, erklärte, dass er mir eine Person, eine Jüdin Anna Steiner mit einem Kinde, welches am selben Tage früh 6 Uhr in einer Scheune in Zehista geboren worden sei, zuführen müßte. In Begleitung befand sich noch die Schwester der Kindesmutter, Inka Klinger, außerdem lag auf dem Tafelwagen noch eine schwer lungenkranke Person, die Jüdin Rachella Grünbaum.[88]

Der Gesundheitszustand der Letzteren war so, dass ich sie sofort in einem Bett unterbringen musste. Am folgenden Freitag, den 23.2.1945, war für Letztere ärztliche Hilfe dringend nötig. Ich rief Dr. Streitberger an, der baldigst zur Stelle war und alle drei Personen untersuchte. Er erklärte mir, dass ärztliche Hilfe für die Lungenkranke notwendig sei, zuständig aber sei Frau Dr. Peintker.

Auf telefonischen Anruf bei Frau Dr. Peintker erklärte sie mir, dass sie Jüdinnen nicht behandele. Hiervon habe ich Dr. Streitberger in Kenntnis gesetzt, der mir schon vorher erklärt hatte, dass im Falle Frau Dr. Peintker ablehnen sollte, er die Behandlung übernehmen werde, was er dann auch getan hat.

Der Zustand der Lungenkranken verschlechterte sich bis zum Abend noch so, dass sie um 20 Uhr abends verstarb. Die verstorbene Grünbaum ist dann am nächsten Tag nach dem Friedhof Pirna gebracht worden."[89]

Keine Nachricht wird uns darüber zuteil, mit welchem der zu dieser Zeit zahlreichen Todestransporte aus Konzentrationslagern sie nach Pirna gelangt sind, wie es Anna Steiner, ihrem Neugeborenen und ihrer Schwester Inka Klinger weiter erging. Ob sie überlebten? - Die Ermittlungen waren nur auf die in Pirna Bestatteten gerichtet.

Möglicherweise steht diese Information mit einem anderen Bericht in Verbindung, der vom KZ-Außenlager in Zatzschke handelt. Dort waren um die gleiche Zeit Frauen aus dem KZ Ravensbrück, die im Januar 1945 zur Arbeit in einen Rüstungsbetrieb nach Dresden verfrachtet worden waren, nach der Zerstörung Dresdens am 13.2.45 eingeliefert worden. Unter ihnen befanden sich zahlreiche jüdische Frauen, die besonders schlecht behandelt wurden. Man gab ihnen z.B. nicht einmal eine Decke. Viele von ihnen starben und wurden auf dem Friedhof in Lohmen beigesetzt, gleich am Ort verbrannt oder im angrenzenden Busch verscharrt.[90]

Zwei finden nach 1945 nach Pirna zurück: Alfred Cohn und Max Tabaschnik
Es ist schon seltsam: Über die Familie Cohn, die am längsten in Pirna ansässig war, ist verhältnismäßig wenig bekannt. Isidor Cohn, 1884 nach Pirna gekommen, hatte offenbar keinen besonderen geschäftlichen Erfolg. Er ist wahrscheinlich durch die Inflation und danach durch die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933 stärker getroffen worden. 1932 starb er.[91]

Sein Sohn versuchte danach, das Unternehmen zu retten. Auch nachdem es seine "arische" Ehefrau übernommen hatte, war es nicht zu halten. 1934 gab Gertrud Cohn, geb. Borrmann, das Geschäft endgültig auf, und Alfred Cohn hielt die Familie als Vertreter einer Weberei in Sohland a. d. Spree mühsam über Wasser.

Alfred Cohn, am 13.11. ins KZ Buchenwald verbracht, wird am 8.12.1938 von dort entlassen, weil durch seine Ehefrau die Ausreise eingeleitet wurde. Aus einem Vermerk der Pirnaer Polizei vom 1.12.1938 geht hervor, dass Cohns Ehefrau um Ausreiseerlaubnis für die Familie nach Brasilien nachgesucht habe. Dazu brauchte sie eine "steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung". Antragsformulare für einen Reisepass habe sie auch geholt.

Diese Ausreise kam aber nicht wie vorgesehen zustande. Welches Land nahm damals schon relativ unbemittelte Juden auf.

Am 1.2.1939 verzieht Alfred Cohn nach Rotterdam, seine Mutter und seine Ehefrau bleiben im Land und beziehen in Dresden eine Wohnung.

Die Gestapo fragt in Pirna noch an, ob Cohn über Vermögen und sonstigen Besitz verfüge und Reichsfluchtsteuer gezahlt habe. Ihr wird beschieden, Cohn habe kein Vermögen besessen und musste somit auch keine Reichsfluchtsteuer bezahlen.[92]

Alfred Cohn soll den Krieg in einem holländischen Kloster überlebt haben.[93] Im Unterschied zu seinen Eltern war er zum katholischen Glauben konvertiert. Seine Ehefrau und seine Mutter konnten Deutschland nicht mehr verlassen. Amalie Cohn wird Opfer des faschistischen Völkermords an den Juden. 1943 verstirbt sie in Theresienstadt, wohin sie aus Deutschland deportiert wurde.

Die Befreiung, die sein Leben sichert, erlebt Alfred Cohn im September 1944 in Holland. Die ihn befreienden Engländer aber sperren ihn, den Deutschen, zwischen dem 28. September 1944 und dem 31. Mai 1945 als Internierten in das Lager Vught in Nord Brabant/Holland ein. Als er im Herbst 1945 Pirna erreicht und einen Fragebogen ausfüllen muss, schreibt er unter "Haftzeiten": 8 Monate Holland, 24 Tage Buchenwald.

Alfred und Gertrud Cohn finden sich wieder. Sie wohnen zunächst in Lohmen, bis sie am 1.12.1945 eine Wohnung in Pirna, Hospitalstraße 5, beziehen können. Der damals 59-jährige bittet den Oberbürgermeister Wetzig um eine Anstellung beim Rat der Stadt Pirna. In seinem Antrag verweist er auf seine Lebensumstände:

"Wie ich Ihnen mitteilte, bin ich erst kürzlich unter Zurücklassung meiner letzten Sachen aus einem holländischen Internierungslager zurückgekehrt.

Eine lange Zeit würde ich noch zur Erholung von der Hungerkur des Lagers benötigen, dann möchte ich jedoch ein Verdienst haben können, um auch meine Frau, die die ganzen Jahre als mit einem Nichtarier verheiratet, hier viel durchgemacht hat, endlich zu entlasten.

Unsere Existenz hat die Naziregierung vollständig zerstört, jetzt ein Geschäft aufzumachen, ist nicht gut möglich, sodass ich von Ihrer freundlichen Zusage, mich unterbringen zu wollen, gern Kenntnis nahm."

Am 19.11.1945 tritt Alfred Cohn seine Arbeit in der Erörterungsabteilung beim städtischen Wirtschaftsamt an, wofür er mit 226,10 RM vergütet wird. Als Opfer des Faschismus offiziell anerkannt, wird er im August 1946 Mitglied ihres Kreisausschusses[94] und erhält 1947 die Möglichkeit zur einmonatigen Erholung im OdF-Heim Langenhennersdorf. Zum 31.12.1948 wird ihm gekündigt, "wegen Maßnahmen zur Arbeitskräfteeinsparung". Der Einspruch der OdF-Dienststelle beim Landkreisamt kann daran nichts ändern. Diese Entlassung muss ihn schwer getroffen haben.

Seine Frau spricht in einem Brief an den Rat der Stadt vom September 1949 von einer "ihm zugefügten tatsächlich ungerechtfertigten Kränkung", wofür die Stadt einiges an ihm gut zu machen hätte, und bittet um eine Teilzeitbeschäftigung für ihn im Umfang von ca. 3 Stunden, was er noch schaffen könnte, um sich etwas zu seiner Rente hinzuzuverdienen. Als Opfer des Faschismus ist Alfred Cohn, jetzt 62 Jahre alt, schon rentenberechtigt. Bei den damals insgesamt noch kargen Renten, auch für vom Faschismus Verfolgte, war ein auskömmliches Leben ohne jeden weiteren Rückhalt nur schwer möglich.[95]

An Alfred Cohn als Teilnehmer von Veranstaltungen des Kulturbundes können sich noch einige Pirnaer erinnern.

Am 30. April 1957 verziehen Cohns nach Taucha. Ihr Familienname wird in Borrmann, den Mädchennamen seiner Ehefrau, verändert.[96] Was muss sie dazu bewogen haben?
Am 10. Februar 1958 ist Alfred Cohn/Borrmann in Taucha verstorben.[97]

Max Tabaschnik durchlebte eines der ungezählten Emigrantenschicksale. 1933 war er den Nazis in die Tschechoslowakei entkommen. Von dort aus übersiedelte die Familie nach England.

Sein Sohn Werner (Jahrgang 1923) wird Angehöriger der britischen Armee, kommt nach Indien und kämpft in Burma gegen die Japaner.

Zu Kriegsende ist er bereits Major. Im Februar 1946, nach dreieinhalb Jahren Überseedienst, folgt seine Versetzung nach England, bald sein Einsatz in Deutschland. Hier arbeitet er als Mitglied eines Gerichts zur Aburteilung von Kriegsverbrechern (z.B. Prozeß Bergen-Belsen II ), aber auch kurzzeitig als Kommandant eines Lagers für gefangene SS-Offiziere. Die längste Zeit versieht er Dienst als Verbindungsmann zwischen englischen und amerikanischen Dienststellen zur Ahndung von Kriegsverbrechen in Augsburg und Dachau.

In Augsburg lässt sich zunächst auch Max Tabaschnik nieder. Als Werner aus der britischen Armee Ende 1947 entlassen wird, bemühen sich beide um Übersiedlung in die sowjetische Besatzungszone. Das gelingt auch nach einigen Schwierigkeiten.

Im März 1948 sind sie nach 15 Jahren wieder in Pirna. Beide werden Mitglieder der SED, Max findet rasch Kontakt zu früheren Freunden und Patienten. In der Maxim-Gorki-Straße bezieht er eine Wohnung und richtet sich seine Praxis ein. Nach Teilnahme an Fortbildungskursen erreicht er seine Anerkennung als Zahnarzt, denn der Beruf des Dentisten ist in der DDR 1949 aufgehoben worden.

Werner Tabaschnik sucht seinen Platz als freiberuflicher Schriftsteller zu finden; das erweist sich in dieser kargen Zeit als unsicheres Unternehmen. Schließlich finden wir ihn als hauptamtlichen Kreissekretär der VVN in Pirna.

Max Tabaschnik und dessen Sohn suchten also bewußt den Weg nicht nur in jene engere Heimat, aus der sie 1933 vor den faschistischen Häschern flohen. Sie entschieden sich auch für jenen Teil Deutschlands, der ihnen als die soziale und antifaschistische Alternative zum Nazireich erschien.

Doch schon 1950 gibt es einen Bruch. Im Zusammenhang mit der von der Stalinschen Politik betriebenen Spionage-Hysterie setzen auch in der DDR Untersuchungen und Partei-Überprüfungen ein, die sich besonders gegen zurückgekehrte Emigranten aus westlichen Ländern richten.

In speziellen Spionageverdacht gerät Werner Tabaschnik als ehemaliger britischer Offizier, der in seiner Tätigkeit als Mitglied von Organen zur Aufdeckung und Aburteilung von Kriegsverbrechen ja auch Kontakte mit amerikanischen und britischen Geheimdiensten haben musste. Nach ersten ihm abverlangten Stellungnahmen und Erklärungen verlässt Werner Tabaschnik überstürzt die DDR.

Max Tabaschnik verlor bald nach seiner Rückkehr seine bereits krank nach Pirna gekommene Frau. Ende 1950 heiratet er ein zweites Mal. Zwei Söhne stammen aus dieser Ehe.[98] Bis 1964 lebt und arbeitet er noch in Pirna und wird 1963 als "Sanitätsrat" geehrt. Von Patienten als guter Zahnarzt geschätzt, erfuhr er zuweilen ihn verletzende herablassend-nachsichtige Behandlung mancher diplomierter Berufskollegen. Politisch geriet er mit weltoffener Sicht zunehmend in Widerspruch zu einer immer starrer und beschränkter werdenden Politik der SED-Führung und verließ schließlich die Partei, der er sich einmal aus natürlichem sozialem Empfinden zugesellt hatte.
Max Tabaschnik verstarb 1971.[99]

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