Toleranz, Vielfalt und Zivilcourage sollten zu den wesentlichen Bestandteilen einer Gesellschaft gehören. „Aktion Zivilcourage e.V.“ leistet einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung und damit zur Handlungsfähigkeit im Sinne der Demokratie.
Ulla Stägemann (Aktion Zivilcourage e.V.) aus Königstein
Diese Episode verrät etwas über die Atmosphäre, in der jüdisches Leben nun verlief.
Die Führung der evangelischen Landeskirche Sachsens trug das Ihre zur Ausbreitung des Antisemitismus bei. An ihrer Spitze stand der am 10.12.1933 in sein Amt als Landesbischof eingewiesene ehemalige Freiberger Pfarrer Coch, der in einem vorstellenden Beitrag im "Pirnaer Anzeiger" als "einer der Vorkämpfer der nationalen Bewegung" gepriesen wird.[23]
Auch am 10.12.1933 verabschiedet die Sächsische evangelisch-lutherische Landessynode 28 Thesen, die dem Nazigesetz über „Die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ folgen.
Hier wesentliche Auszüge:
"
3. Die Volkskirche bekennt sich zu Blut und Rasse, weil das Volk eine Bluts- und Wesensgemeinschaft ist. Mitglied der Volkskirche kann daher nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Volksgenosse ist. Amtsträger der Volkskirche kann nur sein, wer nach dem Rechte des Staates Beamter sein kann (sogenannter Arierparagraph).
4. Volkskirche bedeutet nicht Ausschluss von Christen anderer Rasse von Wort und Sakrament und von der großen christlichen Glaubensgemeinschaft. Der Christ anderer Rasse ist nicht ein Christ minderen Ranges, sondern ein Christ anderer Art. So macht die Volkskirche Ernst damit, dass die christliche Kirche noch nicht in der Vollendung göttlicher Ewigkeit lebt, sondern an die Ordnung gebunden ist, die Gott diesem Leben gegeben hat.
5. Weil die deutsche Volkskirche die Rasse als Schöpfung Gottes achtet, erkennt sie die Forderung, die Rasse rein und gesund zu erhalten, als Gottes Gebot. Sie empfindet die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Rasse als Verstoß gegen Gottes Willen..."[24]
Welchen Einfluss übten derartige Verkündigungen auf die Gläubigen in Pirna aus?
Wie mögen alle diese Vorgänge auf Juden gewirkt haben?
Sachlich lässt sich für Pirna das Folgende feststellen:
Am 8.September 1933 zeigt das Amtsgericht Pirna an: "Isidor Cohn ist aus der Firma ausgeschieden. Frl. Gertrud Borrmann in Pirna ist Inhaberin. Die Firma lautet künftig Gertrud Borrmann." Diese Gertrud Borrmann, evangelisch, heiratet kurz darauf Alfred Cohn, der zum katholischen Glauben konvertiert war. Die Geschäftsübergabe an die "arische" Schwiegertochter wendet die Schwierigkeiten jedoch nicht ab. Am 15. Mai 1934 gibt Gertrud Cohn auf. Alfred Cohn versucht es als Handelsreisender.[25]
Am 5. März 1935 ist Adolf Kaminsky plötzlich verstorben.[26] Frau Kaminsky gibt das Geschäft auf und verzieht zu ihrer Tochter nach Berlin.[27]
Im Frühjahr 1936 wird der Warenhauskonzern Messow und Waldschmidt, damit auch seine Filiale in der Pirnaer Dohnaschen Straße 52, "arisiert", und der Geschäftsführer Bruno Freymann verliert seine Anstellung. Er versucht, sich mit der Fabrikation von Turn- und Sporthosen wirtschaftlich über Wasser zu halten. Das gelingt mehr schlecht als recht - wegen der immer schwieriger werdenden Verhältnisse für jüdische Geschäftsleute. Nach dem Novemberpogrom 1938 wird ihm die Gewerbeerlaubnis ganz entzogen.[28]
Auch das "EHAPE" wird "arisiert". Per 14.4.1937 lautet der neue Firmenname "Rheinische Kaufhalle AG".[29] Die alte Bezeichnung bewahrt sich aber im Sprachgebrauch der Pirnaer. Auch nach dem Kriege hält sich das Unternehmen noch bis zum Mai 1952 als "Kaufhalle GmbH Hans Egolf".
Eine Schulfreundin von Ilse Engler, Pfandleihgeschäft in der Albertstraße 1b (Dr. Wilhelm-Külz-Str.), berichtet, dass sie des öfteren mit Ilse im Geschäft war; Ilse spielte auf einem beliehenen Klavier und sang - sie hatte eine ausgezeichnete Stimme. Nie jedoch habe sie in diesem Geschäft Kundschaft erlebt.[30]So zeitigten Boykottmaßnahmen und voranschreitende antisemitische Politik die beabsichtigte Wirkung: Juden durch ein System öffentlicher Diffamierung, der wirtschaftlichen Verdrängung zu isolieren und sie ihrer Existenzgrundlagen zu berauben. Es bedarf ja keiner Phantasie, sich auszumalen, wie es mit Umsätzen und Einkünften bei Jurmanns, Weiners, Englers und anderen weiterging, die noch bis 1938 durchhielten. Wer bei Juden einkaufte, machte sich doch mindestens mangelnder "nationaler Gesinnung" verdächtig.
Nachdem im Herbst 1937 eine sachsenweite antijüdische Kampagne unter dem Motto „Ein Volk bricht seine Ketten“ zur Indoktrination des Judenhasses veranstaltet worden war, wird zwischen dem 4. und 19. März 1938 eine neue Welle von 1350 Versammlungen in Sachsen „unter dem Leitwort ´Völkerfrieden oder Judendiktatur?´“ in Bewegung gesetzt. Im Kreis Pirna finden dazu insgesamt 60 Großkundgebungen mit Propagandarednern der NSDAP statt. In den Tannensälen spricht der Nazigauleiter Mutschmann persönlich. Er betont unter anderem, „dass derjenige, der heute noch beim Juden kaufe, sich von der Volksgemeinschaft ausschließt und dass er mit der Veröffentlichung seines Namens rechnen müsse.“[31]
In einer weiteren Phase der Judenverfolgung wurde der Raubzug gegen die jüdischen Vermögen eingeleitet und in Gang gesetzt. Ihre Ausschaltung aus dem gesamten Wirtschaftsleben sollte die Verfemten und Verfolgten unter Auswanderungsdruck setzen und ihre Vermögenswerte für die Göringsche Rüstungswirtschaft verfügbar machen. Dazu dienten die im April 1938 erlassenen Verordnungen über die Anmeldung aller jüdischen Vermögenswerte über 5000 Mark und gegen die "Tarnung" jüdischer Betriebe.[32]
Im Juni wurde verfügt, alle jüdischen Gewerbebetriebe zu registrieren und zu kennzeichnen. Der Juli brachte das Aufenthaltsverbot für Juden in Kurorten. In Bad Schandau war dem schon vorgegriffen worden.
Seit Herbst 1935 wurden dort keine jüdischen Ausflugs- und Kurgäste mehr aufgenommen, und im April 1938 wartet Bad Schandau mit einer neuen Meldung auf:
„Bad Schandau ist judenfrei! Bürgermeister Baumann hat auf Veranlassung des Kreisleiters eine Polizeiverordnung erlassen, die jedem Juden in Zukunft den Aufenthalt in dem schönen Kurort unmöglich macht. Damit erfüllt sich der langgehegte Wunsch nicht nur der Einwohnerschaft, sondern auch der vielen Kurgäste und Besucher Bad Schandaus, dieses Kleinod des Sächsischen Felsengebirges endlich judenfrei zu sehen. Die für alle Kurorte und Sommerfrischen des Sächsischen Felsengebirges beispielhafte Polizeiverordnung des Bürgermeisters von Bad Schandau hat folgenden Wortlaut:“
„Polizeiverordnung über den Aufenthalt von Juden.
Im Einvernehmen mit der Kurverwaltung und den Kneippkurbetrieben von Bad Schandau G.m.b.H. wird folgendes verfügt:
1. Juden dürfen in Bad Schandau nicht aufgenommen werden, da keine Privathäuser, Gaststätten und Fremdenheime vorhanden sind, in denen sich nur deutschblütige weibliche Personen über 45 Jahre aufhalten.
2. Juden ist verboten: a) der Aufenthalt in Kurhäusern, b) der Aufenthalt in Kuranlagen, c) der Aufenthalt an und auf dem Tennisplatz, d) die Benutzung der Liegewiesen, e) der Aufenthalt im Elbbade, f) die Benutzung der Eisenquelle, g) die Benutzung aller Veranstaltungen der Kurverwaltung.
3. Die Bestimmungen treten sofort in Kraft. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 RM oder entsprechender Haft bestraft.“[33]
Am 17. August folgt die Einführung der Zwangsvornamen "Sara" und "Israel" ab 1.1.1939. Sie müssen bei den zuständigen Standesämtern fristgemäß beantragt werden. Auch jene Standesämter sind in Kenntnis zu setzen, bei denen einst die Geburt des Betreffenden registriert worden war.
Schließlich wird Mitte Oktober in einer Besprechung bei Göring die gesamte "Arisierung der Wirtschaft" im einzelnen beraten und angeschoben, auch die Isolierung der Juden in Ghettos. Das erstere zeitigt sofort konkrete Wirkung.
In einem Schreiben des Kreiswirtschafts-Beauftragten der NSDAP-Kreisleitung Pirna vom 17.Oktober 1938 wird "Abraham Jurmann, Textilwaren, Pirna", aufgefordert, bis zum 25. Oktober eingehend mitzuteilen, welche Schritte er "unternommen (habe), um die Überführung (seines) Geschäfts in arische Hände zu vollziehen".
Der Stand etwaiger Verhandlungen ist "genauestens zu definieren", wie es da heißt. Es wird auf strenge Preiskontrolle bei der "Arisierung" verwiesen. Die letzte Entscheidung läge bei der Kreishauptmannschaft und bei der Gauleitung der NSDAP.[34] Hier haben wir den Beleg für die bereits vor dem Novemberpogrom eingeleitete völlige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben.




























































































































