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Der Judenpogrom vom November 1938 in Pirna

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Vom 27. zum 28. Oktober 1938 weisen die Nazis in einer Nacht- und Nebel-Aktion etwa 17 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit über die polnische Grenze aus Deutschland aus. Das Sächsische Innenministerium meldet an den Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren am 1.11.38 den Vollzug:

Es "...sind in der Nacht vom 27. zum 28.10.38 alle in Sachsen ansässigen polnischen Staatsangehörigen in Abschiebehaft genommen. Sie sind im Verlaufe des Donnerstags in 6 Sonderzügen, davon 1 von Dresden, nach Beuthen transportiert worden".
Aus Dresden wurden 724, aus Sachsen insgesamt 2804 vertrieben, ihre Wohnungen versiegelt, die Schlüssel in polizeilichen Gewahrsam genommen.[35]
Polen weigert sich, sie aufzunehmen. Es kommt zu erschütternden Szenen im Grenzbereich.
Betroffen davon wird Ilse Engler, inzwischen in Dresden mit Arno Fischer, "Ostjude" aus Polen, verheiratet. Sie erlebt die Austreibung so:

"Ein Chaos, ein Desaster, ein Unglück - es gibt kein Wort dafür, um das Geschehen zu beschreiben. Ich wurde abgeholt und kam mit den Schwiegereltern in einen Schulsaal in der Blumenstraße; von dort wurden wir in Viehwaggons verladen. Es gelang mir vorher noch, in Pirna bei Dr. Jakob anzurufen, um meine Mama zu verständigen. Bis zur letzten Minute meines Lebens sehe ich von den Waggons aus meine Mutter an der Bahnsteigsperre stehen. Einem etwas menschlich angehauchten Beamten habe ich es zu verdanken, dass ich nochmals in die Arme meiner Mutter eilen konnte.

Arno befand sich zu dieser Zeit in Lemberg bei Verwandten. Wir wurden bei Beuthen über die Grenze getrieben. Die Polen jedoch wollten uns nicht und schickten uns wie Vieh zurück. Die Deutschen empfingen uns mit Schreckschüssen; wir befanden uns auf Niemandsland und meinten mit Sicherheit, unsere Stunden wären gezählt...
Dann kamen wir doch auf polnischen Boden, wir wurden von polnischen Juden, die schon von dem Vertreibungsunglück erfahren hatten, mit Essen und Trinken gelabt und erfrischt."
Auch ihr Ehemann eilt herzu und kann sie schließlich nach Lemberg mitnehmen.[36]
Die Nachrichten über die Leiden der Vertriebenen gehen durch die Weltpresse. Diese Ereignisse bilden für Herszel Grynszpan, dessen Angehörige gleichfalls betroffen waren, das Motiv für sein Attentat vom 7. November auf den deutschen Botschaftsangehörigen vom Rath in Paris.
In der Nacht vom 9. zum 10. November brach der daraufhin von Goebbels inszenierte "spontane Volkszorn" überall aus.
In diesen Tagen wurden in Deutschland rund 7000 Geschäfte demoliert und geplündert, die meisten Synagogen verwüstet und verbrannt, etwa 30 000 Juden verhaftet, in KZ verschleppt und den jüdischen Bürgern eine Abgabe in Höhe von einer Milliarde Reichsmark abgepresst.[37] Die Tat eines Einzelnen wurde sofort als Angriff der gesamten Judenheit auf die Deutschen schlechthin deklariert. "Volkszorn" und "Sühnemaßnahmen" wären so verständliche und unumgängliche Folgen. Dabei kam der Pogrom, wie die voraufgegangenen Maßnahmen der Naziführung zeigen, nicht aus heiterem Himmel.
In Pirna geschieht das durch nachts mobilisierte SA-Horden in den frühen Morgenstunden des 10. November.

Esra Jurmann schreibt:
"Ich ging am 10. November 1938, nachdem ich der Schule verwiesen wurde, in das Geschäft meines Vaters. Am Morgen, als ich in die Schule kam, bekam ich 'Blicke', neugierig, interessiert, anders als sonst. Als Herr Gulemann, der Klassenlehrer, mich nach Hause schickte, wußte ich, dass etwas Außerordentliches geschehen war.
Was, wußte ich nicht.
Ich überhörte ein Geflüster, irgendetwas mit 'der Laden'. Meine 'Beurlaubung' war einfach, dass Herr Gulemann mir sagte, ich könne nach Hause gehen und mir einen Brief für meinen Vater mitgab.
Als ich die Schloßstraße hinunterging, sah ich, außer einer Menschenmenge bei unserem Geschäft, nichts. Als ich dann über den Markt ging und näher am Laden war, sah ich die zertrümmerten Scheiben. Meine Eltern waren im Geschäft. Die Menschen gafften und sagten nichts. Man erkannte mich und machte mir Platz, damit ich durchkam. Mein Vater war die Ruhe selbst. Er schickte mich zu Taggesell, dem Fleischer nebenan und gab mir Geld, damit ich dort nach Herzenslust Wiener Würstchen verspeisen konnte. Damit war ich aus dem Weg. Am Abend fuhr ich mit Weiners, vom Geschäft gegenüber, nach Dresden. Das Weinersche Geschäft war auch zerstört."[38]

Ursula Wellemin, geb. Heß, teilt mit:
"Es wurde uns gesagt, dass... sich ein Pöbel an dem Pirnaer Markt versammelte und dass die Versammelten von Reden gegen uns angespornt wurden. Diese Menge von Leuten bestand hauptsächlich aus einem Kontingent von SA. Diese kamen aus der Stadt Wehlen, wo wir ganz unbekannt waren (d.h. sie wurden aus Wehlen geschickt). Später an dem Tag (nachdem mein Vater abgeholt worden war) stürmte der Pöbel - mehrere Hundert - unser Haus, Postweg 64, nachdem sie Ziegelsteine durch das Fenster geworfen hatten.
Sie machten viel Schaden (Flügel, Bilder), schütteten Tinte auf Bettücher etc.
Wir versteckten uns auf der Treppe, die in den Keller und zu den Büros führte und schlossen die Tür zu der Halle im Haus zu (die man nicht gut von der Halle aus sah). Es wurde nicht versucht, die Büros zu stürmen...
Wir flüchteten durch das Büro und den Garten in eine Taxe, die uns nach Dresden zu unserer Großmutter fuhr."[39]

Der "Pirnaer Anzeiger" meldete dazu am Freitag, dem 11.11.:
"In Pirna machte sich der Zorn gegen die Mordjuden ebenfalls in verschiedenen Aktionen Luft. Unter anderem wurden die Scheiben jüdischer Geschäfte zertrümmert und einige Juden in Schutzhaft genommen. Am Donnerstag fand auf dem Markt eine Kundgebung statt, in der Pg. Hugo Müller scharfe Worte gegen die Juden richtete. Im Anschluss daran zog man vor jüdische Kaufhäuser."

Neben den Konfektionsgeschäften von Jurmann und Weiner waren noch das "Ehape" und das Schuhkaufhaus "Neustadt" in der Breiten Straße betroffen. Die damals schon außerhalb Pirnas wohnhafte Inhaberin dieses Kaufhauses, Frau Tannchen, wandte sich an den Oberbürgermeister Dr. Brunner um Hilfe, aber die Behörden hatten sich aus den Vorgängen herauszuhalten. Polizisten nahmen in den Morgenstunden des 10. zwei tatbeteiligte SA-Leute in Unkenntnis dieser Weisung fest, mussten sie aber bald freilassen.[40]
Weil sie annahmen, dass auch ein Konfektionsgeschäft in der Breiten Straße ein jüdisches Unternehmen sei, zerschlugen SA-Leute dort ebenfalls die Schaufensterscheiben und warfen Teppiche und andere Waren auf die Straße. Beteiligte bedienten sich dabei. Es entstand, wie bei den jüdischen Geschäften, erheblicher Schaden. Es kostete dem Besitzer einige Mühe, den Irrtum auszuräumen.[41]

Obwohl die Naziführung für den 10. November das Ende des "spontanen Volkszorns" verfügte, gab es Ausläufer des Pogroms in Gestalt öffentlicher antisemitischer Handlungen auch noch an nachfolgenden Tagen. So berichtet der "Pirnaer Anzeiger" vom 15./16.11. von einer öffentlichen Kundgebung in Pirna-Copitz am 14.11. Ortsgruppenleiter Peukert eröffnete sie und begrüßte als Redner den Leiter des sächsischen Volksbildungsministeriums, "Pg." Göpfert. Weil, was er ausführte und der "Pirnaer Anzeiger" wiedergab, so charakteristisch für die Pogromstimmung und den überschäumenden Judenhass ist, sollen die wesentlichen Passagen des Redeberichts hier wiedergegeben werden. Göpfert erklärte:

"Wir haben in der Welt nur einen Feind, und das ist der Jude. Mit seiner Haßpropaganda hat uns der Jude unsere Anständigkeit gedankt; man erfand Greuelmärchen; man versuchte uns wirtschaftlich zu ruinieren, und mit den letzten Schüssen wollte er nicht nur die Person, sondern das deutsche Volk treffen. Darauf habe das deutsche Volk auch entsprechend geantwortet. Es kann nur eine einzige Antwort geben: 'Raus mit den Juden aus Deutschland!' Und wenn man ihn raushaben will, muss man ihm seine Geschäfte zumachen.
Die Verordnung des Generalfeldmarschalls Göring als Beauftragter für den Vierjahresplan habe nun gründlich dafür gesorgt. Man muss aber auch dafür Sorge tragen, dass der Jude niemals wieder zurückkommt; man müsse deshalb unsere Jugend wachhalten. Der Redner wandte sich dann gegen die, die immer noch Mitleid mit den Juden und kein Verständnis für die Maßnahmen der Regierung haben. Es muss Sorge dafür getragen werden, dass ein Deutscher nie wieder mit einem Juden zusammenkommt."

So weit dieser Auszug.
In den Morgenstunden des 10.11. wurde der Fabrikbesitzer Manfred Heß verhaftet, am gleichen Tage Bruno Freymann[42], tags darauf auch der Kaufmann Wolf Jurmann, Obere Burgstraße 6, Alfred Cohn, Schuhgasse 9, und der Arbeiter Ernst Noack, der Hohnstein und eine einjährige Gefängnisstrafe hinter sich hatte. Pirnaer Polizisten brachten sie nach Dresden. Am 12. November überführte man sie, bis auf Freymann, nach Buchenwald.

Was sie dort bei der Ankunft erlebten, ist in folgender Schilderung überliefert:
"Zum 9. November 1938 wurden durch die sogenannte Rath-Aktion über 12 000 jüdische Häftlinge ins Lager eingeliefert. Bei ihrem Einmarsch stand die SS, mit Knüppeln und Peitschen bewaffnet, an der Straße von Weimar Spalier, so dass nur ganz wenige unverletzt das Lager erreichten.
Die von blutigen Gepäck- und Kleidungsstücken bedeckte Straße, auf der zahlreiche Verwundete lagen, glich einem Schlachtfeld... Siebzig jüdische Häftlinge wurden infolge der furchtbaren Quälereien wahnsinnig. Man warf sie vorläufig in einen Holzverschlag. Von dort wurden sie nach einiger Zeit gruppenweise in den Bunker überführt und von SS-Oberscharführer Sommer erschlagen."[43]
Nach diesem Empfangsschock mussten sie vorerst auf dem Appellplatz stehen, weil die für die Juden dieser Aktion bestimmten Baracken noch nicht fertig waren. In aller Hast wurden notdürftig fünf Schuppen zurechtgezimmert, in denen man je 2000 hineinpferchte. So entstand ein besonders eingezäuntes spezielles Judenlager. Wie diese "Unterkünfte" gefertigt wurden und ausgestattet waren, vermittelt der Bericht eines Betroffenen:
"In unbeschreiblichem Tempo mussten diese aufgestellt werden. Obwohl wir an Unmenschliches gewöhnt waren, wollten wir zuerst nicht glauben, dass sie zur Unterbringung von Menschen vorgesehen waren. Zunächst errichteten wir Wände, rammten Pfosten ein, die mit Brettern verschalt wurden. Es gab weder Fenster noch Türen. Nur in der Mitte war ein nach jeder Seite offener Durchgang, ähnlich einer Remise, in der Waren gelagert oder höchstens Tiere für kurze Zeit hätten untergebracht werden können. Dann begann der Ausbau, und damit wurde auch die Ungeheuerlichkeit sichtbar:
In diesen Baracken sollten Menschen eingepfercht werden. Im Innern wurden wiederum Pfosten aufgestellt und diese mit Latten verbunden. In Abständen von 60 bis 70 Zentimeter übereinander spannten wir Maschendraht. Das wurden die Lagerstätten für die Häftlinge. Nur kriechend konnte ein Mensch auf diese Lagerstätte gelangen. Das war besonders qualvoll, weil nur schmale Gänge zwischen den Reihen der sogenannten Schlafstätten den Zugang ermöglichten. Es gab in diesen Baracken weder Fenster noch andere Lüftungsmöglichkeiten. Es gab weder eine Waschgelegenheit noch die Möglichkeit, Kleider unterzubringen. Die dünnen Bretterwände boten kaum Schutz vor Witterungsunbilden. Bei warmem Wetter war es drückend heiß, bei Frost unerträglich kalt, weil keine Möglichkeit bestand, diese 'Räume' zu heizen."[44]

Im Sonderlager ermangelte es jeglicher hygienischer Bedingungen. Pro Häftling stand im gesamten Lagerbereich pro Tag 1/4 l Wasser zur Verfügung. Massenhafte Durchfallerkrankungen, bei eintretendem Frost im Dezember Erfrierungen, schließlich sogar Paratyphusfälle selbst bei der SS zerrütteten die Gesundheit vieler und ließen die Zahl der Todesfälle im Sonderlager bis zum 9.12. auf 163 ansteigen. Erst danach veranlaßte die Furcht vor Epidemien die SS, unumgängliche hygienische und medizinische Vorkehrungen zu treffen.

Hilfe wurde den ins Sonderlager Eingelieferten nur durch politische Häftlinge zuteil, für die medizinische Betreuung sorgten Ärzte und Helfer aus den eigenen Reihen.

Ständiger unberechenbarer Terror durch die SS, stundenlanges Stehen und Sitzen auf dem Appellplatz, "Freiübungen" und vielgestaltige Schikanen, Hunger und Wassermangel prägten die Tage im Sonderlager.

Der Zweck dieser Lagerhaft enthüllt sich durch jene Ankündigung, die schon in den ersten Lagertagen über Lautsprecher erging:
"Alle Judenvögel herhören! Erstens: Ihr bleibt solange hier, bis ihr eure Geschäfte, Fabriken und Häuser verkauft habt und beweisen könnt, dass ihr schleunigst auswandern werdet. Zweitens: Durch eure Schuld ist dem deutschen Volk großer Schaden entstanden. Ihr seid verantwortlich für die Zerstörungen in den deutschen Städten. Deshalb wird angeordnet: Die Versicherungsbeiträge für eure Wohnungen und Geschäfte erhaltet nicht ihr, sondern das deutsche Volk.[45] Drittens: Eure Frechheit muss bestraft werden. Deshalb wird den Juden in Deutschland eine Konventionalbuße auferlegt. Sie beträgt eine Milliarde Reichsmark."[46]

Geld und Wertsachen mussten abgeliefert werden. Die SS, von der Lagerführung bis zur Bewachungsmannschaft, bereicherte sich maßlos. Auch dafür musste sich der Lagerkommandant Karl Koch später in einem Korruptionsverfahren verantworten.

Schon 10 Tage nach der "Rath-Aktion" begannen die Entlassungen, vorzugsweise jener, die sich zum "Verkauf" ihres Eigentums und zur Ausreise aus Deutschland verpflichteten und das auch nachweisen konnten. Wer entlassen wurde, musste über die Vorgänge im Lager zu schweigen geloben und erklären, dass ihm weder Geld noch Wertgegenstände abgenommen worden waren.

Am 1. Januar 1939 betrug die Zahl der Inhaftierten nur noch 1605, Anfang Februar war es geräumt und wurde dann abgerissen.[47]

Den jüdischen Kaufleuten wurde aufgetragen, die an ihren Geschäften entstandenen Schäden auf eigene Kosten unverzüglich zu beheben. Gipfel der Infamie: Noch am 2. Dezember schrieb der Pirnaer Oberbürgermeister Dr. Brunner an "Wolf Jurmann, zur Zeit Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar":

"...Auf Grund dieser gesetzlichen Vorschriften fordere ich Sie hiermit auf, die an ihrem hiesigen Geschäft Schössergasse 1, Markt 14 entstandenen Schäden nunmehr sofort zu beseitigen. Sollten Sie dieser Anordnung nicht nachkommen, werde ich mit Zwangsmaßnahmen (!) gegen Sie vorgehen."[48]

Am 22.11.ergriff der Kreisleiter Elsner in einer Versammlung der NSDAP-Ortsgruppe Heidenau „das Wort zu einer scharfen Abrechnung mit dem Judentum und seinen heimlichen Freunden sowie denjenigen, die die deutsche Einheit angreifen.“ „ Schluss mit der Gutmütigkeit gegen dieses Parasitenvolk, das Deutschland schon einmal ins Unglück gestoßen hat“, forderte er. Mitleidige „sollen sich nicht aufregen über Maßnahmen, die zum Schutze des deutschen Volkes notwendig sind.“ ...“Schon Luther hat gegen ‘Juden und ihre Lügen’ gestritten.“... „Wenn in Deutschland jemand nur ein Wort für die Juden übrig hat, dann ist er kein Deutscher.“[49]

Der hier beschworenen „deutschen Einheit“ waren sich die braunen Herrscher anscheinend doch nicht so gewiss. Der Verweis auf Mitleidige deutet immerhin an, dass sich die Pogromtäter der, wenn auch stillschweigenden, Missbilligung eines Teils der Bevölkerung bewußt waren.

Nach Juden geforscht wird auch in der Anstalt Sonnenstein.

Auf die Anfrage des Pirnaer Oberbürgermeisters benennt die Anstaltsleitung drei jüdische Patienten, davon zwei deutscher und einer englischer Staatsangehörigkeit.[50] Die Erkundigung nach den Vermögensverhältnissen ergibt, dass für Otto S. und Kurt P., die beiden Deutschen, da sie kein Vermögen haben, die Kosten vom Landesfürsorgeverband getragen werden.

Für Arno A. und Otto S. wären noch keine Vormünder bestellt, "weil es sich um Juden handle, die niemand vertreten wolle." Für Otto S., dessen Anwesenheit in der Anstalt noch bis zum Sommer verbürgt ist, verpflichtet man schließlich Heinrich Israel Jordan aus Dresden. Dem wird sofort bedeutet, er habe für S. die notwendige Namensergänzung "Israel" zu beantragen. Otto S. wurde "am 27.8.1939 nach Arnsdorf zur Abmeldung gebracht."[51] Das weitere Schicksal dieser drei liegt im Dunkeln. Wurden auch sie 1940/41 wieder in ihre einstige Anstalt, Vernichtungsstätte im Euthanasie-Programm, auf ihren letzten Weg gebracht?

Am 10. November werden die letzten jüdischen Schüler aus den Pirnaer Schulen verwiesen.[52]

Den theologischen Begleittext zum Novemberpogrom liefert in Pirna der Superintendent der evangelischen Kirche Leichte, der über die Presse zu Veranstaltungen aufruft. Eingeladen hat er den Prof. der Theologie Dr. Wolf Meyer-Erlach, Jena, Rektor der Schiller-Universität. In „Gottesfeiern“ der „Markgemeinde Pirna der >Deutschen Christen< (Nationalkirchliche Einung)“ spricht der über „Wende des Glaubens“ und in den Nachversammlungen über das Thema „Luther und die Juden“; und zwar in Königstein am 11.11., Heidenau am 12.11., und in Pirna am 13.11. Die Nachversammlung in Pirna findet im Feldschlößchen statt.[53]

Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, dass er weniger Luthers Schrift von 1523, "Dass Christus ein geborener Jude sei", in den Mittelpunkt seiner Auslassungen stellte, sondern vielmehr jene üble, in geradezu Pogromempfehlungen mündende von 1543: "Von den Juden und ihren Lügen". Dort erteilt Luther solch schockierende Ratschläge, die Synagogen und Schulen der Juden anzubrennen, ihre Häuser zu zerstören, ihnen die Freizügigkeit zu nehmen, gleichfalls alle Barschaft, Silber und Gold und sie aus dem Lande zu treiben.[54]

Im Januar 1939 ist Meyer-Erlach wiederum zur Stelle. Nachdem er bereits am 6.1. in Bad Schandau und am 7.1. in der Christusgemeinde in Heidenau aufgetreten war, spricht er am Abend des 8.1. in der Pirnaer Marienkirche zum Thema "Luther und die Juden".[55]

Am 27.2.1939 erfolgt per Gesetz des Landeskirchenrats der Ausschluss von Juden aus der Evangelischen Kirche Sachsens.[56]

Im Herbst 1941 verfügt die Kirchenleitung Sachsens, an den Kirchen Tafeln mit der Aufschrift anzubringen: "Trägern des Judensterns ist der Zutritt verboten." Dem folgt am 17.12.1941 die Bekanntmachung über die kirchliche Stellung evangelischer Juden. Nach ihr ist "jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben...Rassejüdische Christen haben in einer deutschen Evangelischen Kirche keinen Raum und kein Recht."[57]

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