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Keine Heimat

Wenn Deutsche als Ausländer beschimpft werden
Mein Name ist Natascha, ich bin 18 Jahre alt und lebe seit sechs Jahren mit meiner Familie in Deutschland. In diesem Bericht möchte ich die Geschichte meiner Mutter und meiner Großmutter erzählen, die auch meine Geschichte ist. Es ist mir sehr wichtig, dass durch diese Zeilen mehr Menschen hinter den profanen Begriff "Ausländer" blicken.

Krieg und Schicksal
Seit 1950 sind viele Aussiedler nach Deutschland übergesiedelt und jeder von ihnen trägt eine eigene Geschichte mit sich, wie eine schwere Last, die man so schnell nicht wieder los wird.

Meine Oma, Herta Jahrraus, kam 1929 in einem deutschem Gebiet auf die Welt. Sie lebte in einerwohlhabenden Familie und wäre auch glücklich geworden, hätte man ihre Familie nicht 1932 gewaltsam aus dem Haus geworfen. Man war nicht damit einverstanden, dass sie so viel besaßen.
Obwohl die Nachbarfamilie damit rechen musste, als Verräter beschimpft zu werden, nahm sie die Familie meiner Großmutter bei sich auf. 1933 war das schlimmste Jahr für die Familie meiner Großmutter. Es herrschte überall Hunger, der viele Menschen mit sich nahm. Auch der Vater und die jüngere Schwester meiner Oma starben.

Als 1939 der Krieg anfing, war meine Großmutter gerade 10 Jahre alt. Viel zu jung, um sich mit dem Krieg auseinander zu setzen. Später sollte sie auf Ratschlag ihrer Mutter dem „Bund Deutscher Mädel“ beitreten. Ihr war bei dem Gedanken nicht wohl. Sie wollte, dass man ihre Familie, oder das, was davon noch übrig geblieben war, in Ruhe ließ. „Wir dürfen nicht negativ auffallen!“, sagte sie damals unsicher.
Meine Oma gehörte nicht gerne zu Hitlers Jugend. Sie hat es gehasst. Sie musste ein Hakenkreuz-Abzeichen tragen und dafür schämte sie sich unwahrscheinlich. Später übermalte sie sogar alle Hakenkreuze, die auf ihren privaten Bildern zu sehen waren.
Ihre Familie musste sich auf Befehl 1943 im eroberten polnischen Gebiet niederlassen. Hitler wollte damals, dass die Polen ihr Land verlassen, damit Deutsche neues Leben aufbauen können.

Meine Oma und ihre Mutter fanden Unterkunft bei einer reichen Familie. Sie durften dort arbeiten und wurden sehr fair behandelt. Meine Oma fühlte sich seit langem wieder mal richtig wohl und konnte endlich wieder Freundschaften aufbauen. Doch auch das wurde bald nicht mehr möglich. 1945 rückten russische Soldaten in Polen ein. Sie befahlen allen Deutschen die Häuser zu verlassen und sich für die Rückkehr nach Deutschland, in die Heimat, bereit zu machen. Alle, die sich versuchten zu weigern wurden erschossen. Also hielten alle den Mund und taten das, was man ihnen befahl. Statt in die Heimat ging es allerdings nach Sibirien, genauer gesagt nach Barnaul. Wie Tiere transportierte man die Menschen in Güterzügen. Es war Winter und deshalb sehr kalt. Alles was die Menschen anhatten, war nur leichte Kleidung. Im Zug war es eng und man hatte nichts zu essen. Viele, vor allem Kinder, starben vor Kälte, oder sie verhungerten. Die Leichen wurden sofort beseitigt, indem sie einfach während der Fahrt aus dem Zug geworfen wurden. Als sie in Sibirien ankamen, brachte man sie in eine Lagerhalle, wo sie mit 15-20 anderen Familien wohnten. Ab diesem Zeitpunkt waren sie Gefangene und standen unter Kommandantur. Sie mussten alle Befehle ausführen, arbeiten gehen und durften sich nicht mehr als fünf Kilometer vom Haus entfernen. Meine Mutter war später von dieser Regelung genauso betroffen.

Bald lernte meine Oma ihren Mann kennen (V. Keider), der eine ähnliche Geschichte erlebt hatte wie sie. Sie heirateten und wohnten danach mit drei anderen Familien in einem Haus. 1952 kam meine Mutter (T. Keider) auf die Welt. Zuhause wurde sie deutsch erzogen, sie lernte dadurch die deutsche Sprache, Bräuche und Religion kennen. Davon musste sie sich vieles spätestens in der Schule abgewöhnen. Denn als Deutsche hatten sie kaum Rechte. Sie wurden immer öfter als Faschistin bezeichnet und trauten sich kaum noch Deutsch zu sprechen, oder überhaupt den Nachnamen zu nennen. Meine Mutter verstand das nicht.
Im Jahr 1953 starb meine Urgroßmutter an Tuberkulose, weil sie während der Arbeitszeit in Sibirien vor Hunger heimlich gefrorene Kartoffeln aß.
Stark eingeschränkt an Rechten lebte meine Familie bis 1956. Danach durften sie sich zwar frei bewegen, hatten jedoch nicht das Recht in die Heimat zurück kehren.

1962 starben der Vater und der einziger Bruder meiner Mutter. Sie verliefen sich im Sturm und erfroren. Für meine Mutter war das ein sehr großer Schock. Sie hatte eine enge Bindung zu ihrem Vater. Für sie brach eine Welt zusammen. Nach seinem Tod zog sie sich stark zurück. Oft träumte sie von ihm oder sah seine Gestalt in ihrem Zimmer. Verarbeitet hat sie es bis heute noch nicht. Ihre Lippen zittern genau so wie damals und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
In der Zeit wurde meine Oma von Verwandten eines deutschen Offiziers unterstützt. Dieser Offizier war ein Freund der Familie, der im Krieg gefallen war.
Später musste sie die Hilfe ablehnen, weil man meine Familie stark unter Druck setzte und mit Gefängnis drohte. In der Zeitung veröffentlichte man sogar einen Artikel über sie: “...ohne sich zu schämen, nimmt sie Hilfe von Faschisten an...!“. Dafür schämte sich meine Oma sehr stark und hatte Angst um die Kinder, die aufgrund dessen beschimpft wurden.

1971 wollte meine Oma alles hinter sich lassen und mit ihrer Familie in Kasachstan ein neues, ruhigeres Leben aufbauen. Denn dort hoffen sie Hilfe durch Opas Bruder finden zu können. Außerdem hatten Deutsche in Kasachstan mehr Rechte als in Russland.
1976 kam endlich das Rehabilitationsjahr und meine Familie hätte sogar die Möglichkeit gehabt nach Deutschland zurück zu kehren. Meine Oma wollte diese Möglichkeit nicht nutzen, denn sie hatten eine Familie, die eine Mutter brauchte. Größer noch war die Angst vor der Regierung oder dem Gefängnis, auch die Kriegsangst war noch da. Als ihre Angst 1991 endlich verflog, kam sie zu meiner Mutter mit der Bitte alle Dokumente vorzubereiten. Endlich fühlte sie sich bereit in die Heimat zurück zu kehren. Es war schwierig, alle Papiere aufzutreiben, denn vieles hat meine Oma aus Angst vernichtet. In dem gleichen Jahr stellten wir den Antrag um Annerkennung als vertriebene Spätaussiedler. Die Wartezeit betrug bei uns 3 1/2 Jahre. Danach mussten wir innerhalb von 2 Wochen unsere Sachen packen, die Wohnung und das Auto verkaufen und uns von den liebsten Menschen verabschieden. Trotzdem freuten wir uns, endlich die Heimat unserer Oma zu sehen. Wir wollten, dass sie endlich Ruhe findet, nachdem sie so viel Schlimmes erlebt hat. Das gelang uns leider nicht...

Angekommen in Deutschland, wurden wir in drei verschiedenen Heimen untergebracht. Zuletzt waren in einem Struppener Heim, in dem wir so lange wohnen durften, bis wir eine Wohnung gefunden hatten.
In Struppen konnten wir endlich anfangen, Kontakte aufzubauen, in die Schule, oder zur Arbeit zu gehen, oder anfangen normal zu leben. Doch meine Eltern waren immer noch bedrückt. Sie hatten oft das Gefühl, uns nicht alles gegeben zu haben. Meine Mutter weinte oft, vor allem wenn sie dumme Sprüche von den Leuten „ohne Haare“ hörte. Oft kam sie zu mir mit Tränen im Gesicht und fragte mich: „Wer bin ich und wo ist meine Heimat? - Dort war ich Faschistin, hier bin ich ein 'Scheiß-Ausländer'!“ Es fiel mir nicht leicht, sie so zu sehen. Ich habe meinen Eltern doch so viel zu verdanken. Doch ich muss sagen, solche Situationen haben mich stark gemacht. Von Anfang an hab ich versucht, meine ganzen Probleme selber zu lösen, egal wie dreckig es mir ging. Denn auch mir wurden öfter schlimme Beleidigungen hinterher gerufen. Zuhause ließ ich mir das nie anmerken. Ich erklärte meinen Eltern lächelnd: „Mir geht‘s wie immer gut!“ Und ich genoss es, wenn sie danach wieder zu sich fanden, da sie sich sicher waren, dass ich es schaffe. Und ich hab es geschafft! Ich bin ein Mensch und werde nie verlernen einer zu sein.
Ich möchte nur, dass die Leute, die den Ausländern immer noch das Leben schwer machen, endlich einmal hinter die Fassade schauen!!!

Auch hier möchte ich meinen Eltern noch mal für alles danken, was sie für mich getan haben. Ich hab noch nie so starke Menschen erlebt wie sie. Danke und: Ich liebe euch!

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