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Was können Lehrer tun?

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit im Unterricht
Was können wir als Lehrer/innen dagegen tun?

von Katrin Leubner, Lehrerin an einer Schule im Land Brandenburg

Ich schlage die Zeitung auf, höre die neuesten Meldungen im Radio, sehe Reportagen und Talkshows im Fernsehen - alle mit der gleichen erschreckenden Bilanz: Die Kette von ausländerfeindlichen und antisemitischen Übergriffen reißt nicht ab; fremdenfeindliches und gewaltbereites Handeln nimmt bei einem Teil der Jugendlichen zu. Mit Hetzparolen, Bränden, Morddrohungen und Morden zwingen uns Rechtsextremisten, Stellung zu beziehen zu den Grundwerten der Demokratie.

Dass die braune Gefahr vor der Tür auch meiner Schule nicht Halt macht, habe ich in den letzten Jahren meiner Arbeit als Lehrerin im Land Brandenburg oft genug erlebt. Im Folgenden möchte ich einige Anregungen und Erfahrungen weitergeben, wie wir im Unterricht mit fremdenfeindlichen und rechtsextremen Äußerungen umgehen können.

 

Auf Provokationen reagieren

Was tun, wenn Schüler in der Schule mit einem T-Shirt erscheinen, auf dem Namen und Kopf von Rudolf Hess oder Ähnliches zu sehen ist? Wichtig erscheint mir, es nicht zu ignorieren oder zu übersehen, auch wenn es der einfachste Weg wäre. Uns Lehrern stehen eine Reihe von Wegen und Möglichkeiten offen, die je nach Situation beschritten werden können. Mir schießen bei solchen Gelegenheiten eine Reihe von Fragen durch den Kopf, die oft schnell beantwortet werden müssen:

Kenne ich den Schüler genauer, so dass ich einschätzen kann, ob das T-Shirt seiner Grundhaltung entspricht oder will er mich provozieren, seine Grenzen austesten? Was trägt er sonst für Kleidung? Welcher Clique oder Gruppe gehört er an? Wie verhält er sich allgemein im Unterricht? Wie reagieren die Schüler auf sein T-Shirt? Haben es die anderen Lehrer auch bemerkt? Wie haben sie reagiert?

Natürlich reicht die Zeit nie aus, um auf jede Frage eine gründliche Antwort zu suchen; die Fragen aber verdeutlichen, welche Faktoren ich beachten muss - auch wenn meine erste Reaktion meist aus dem Gefühl heraus entsteht. Meist suche ich das Gespräch mit dem Schüler nach der Stunde und versuche, seine Motive und Gedanken zu ergründen; danach nehme ich mir dann die Zeit, das weitere Vorgehen zu durchdenken.

 

Konkrete Vorschläge

Vorstellbar wäre eine Diskussion in der Klasse oder im Kurs über den „Mythos Hess“; günstig wäre es dabei, wenn Schüler/innen Informationen zusammentragen und die Diskussion leiten. Ich als Lehrerin kann mich dabei als Person zurücknehmen und damit den Schülern die Möglichkeit geben, selbst zu erkennen, zu diskutieren und zu agieren. Schwierigkeiten und Gefahren dieser Vorgehensweise liegen aber insofern auf der Hand, als dabei stets vorausgesetzt werden muss, dass die Schüler Wege und Möglichkeiten kennen, seriöse Informationen selbst zu beschaffen; sie müssen Diskussionen und Konfrontationen aushalten und sich kritisch mit rechtem
(Geschichts-)Denken auseinander setzen können.

Unter komplizierten Bedingungen kann ich als Unterrichtende auch versuchen, entsprechende Hintergrundinformationen selbst zusammenzustellen und eine Diskussion anzuregen. Hilfreich sind die didaktischen Anregungen der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule e. V. Brandenburg (RAA) - z. B. der Bildungsbaustein „Auseinandersetzung mit rechtsbesetzten Vorbildern am Beispiel von Rudolf Hess und Horst Wessel“ (Telefon: 0331/74780-11). Im Dezember 2000 bringt der Volk und Wissen Verlag eine thematisch weiterführende Auswahl von 18 authentischen Projektarbeiten heraus: Schülerinnen und Schüler insbesondere aus den östlichen Bundesländern zeigen an Mut machenden Beispielen, wie man Zivilcourage in Projekten lernen kann; das Vorwort mit einführenden Gedanken dazu stammt von Friedrich Schorlemmer.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist es, eine Mischung von Informationen, Sensibilität und Zurückhaltung zu entwickeln, um Blockaden und Abwehrhaltungen zu vermeiden. Vielleicht werde ich den einen T-Shirt-tragenden Schüler nicht von seiner Rudolf-Hess-Verehrung abbringen können; aber ich habe den anderen Schülerinnen und Schülern nicht nur verdeutlicht, dass es andere Positionen gibt und ich eine andere Meinung vertrete, sondern auch einen Einblick in den Mechanismus der rechten Mythenbildung ermöglicht. Jetzt liegt es an den Schülern selbst, in ihrem Umfeld diesen Einblick für eine eigene Positionsbestimmung zu nutzen.

Übrigens: Zusätzlich würde ich mich mit anderen Lehrern darüber verständigen, ob wir nicht über einen Zusatz in der Hausordnung das Tragen von neonazistischen und anderen rechtsextremen Symbolen auf dem Schulgelände verbieten können. Damit würden die Grenzen des gesellschaftlich Erlaubten auch schulrechtlich markiert und gleichzeitig verdeutlicht, dass die Lehrer/innen - und auch viele Schüler/innen! - so etwas in unserer Schule nicht tolerieren. Allerdings wird das Problem der Identifikation mit rechtsextremen Vorstellungen so letztlich nicht gelöst; möglicherweise werden sogar weitere Aggressionen hervorgerufen.

 

Mit strategischem Augenmaß vorgehen

Ähnlich scheint es mit rassistischen, rechtsextremen und demokratiefeindlichen Äußerungen im Unterricht zu sein. Einerseits ist die Schule der Ort, an dem darüber gesprochen und diskutiert werden sollte. Ich als Lehrerin oder Lehrer sollte dabei eindeutig Position beziehen und in Diskussionen diejenigen Schüler/innen stärken, die sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus wenden. Auf der anderen Seite scheint es nach Albert Scherr „wenig sinnvoll, rechtsextrem orientierte Jugendliche wiederkehrend mit der Mitteilung zu konfrontieren, dass ihre Überzeugungen sachlich falsch und moralisch verwerflich seien. Denn gerade dies kann die Chance bieten, sich in der provokativen Auseinandersetzung mit wohlmeinenden Pädagogen und Politikern der Tatsache zu versichern, dass die eigenen Überzeugungen taugen, Repräsentanten von Politik und Erziehung zu verunsichern und sich von ihnen abzugrenzen.“ Scherr macht den Vorschlag - ausgehend von einer Analyse der jeweiligen lokalen, sozialen und biografischen Bedingungen rechtsextremer Stile, Szenen und Orientierungen -, günstige Voraussetzungen für Veränderungen und Lernprozesse zu schaffen. Das heißt für mich als Lehrerin, dass ich über den Unterricht hinaus nach Lernmöglichkeiten suchen muss, sei es in Projekten, Arbeitsgemeinschaften, mit entsprechend geschultem Personal oder in Zusammenarbeit mit den örtlichen Sozialpädagogen und lokalen Jugendfreizeiteinrichtungen.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass rechtsextreme Gedanken und Handlungen sich auch deshalb verfestigen können, weil sie starken Rückhalt in der Erwachsenenbevölkerung haben; gerade darin stoßen unsere pädagogischen Bemühungen in der Schule und im Unterricht an ihre Grenzen. Müssten nicht auch die Eltern und ggf. eine größere Öffentlichkeit in unsere Bemühungen einbezogen werden? Ich meine, dass Hans-Gerd Jaschke Recht hat, wenn er daran erinnert: „Rechtsextremismus als ‚normale Pathologie westlicher Industriegesellschaften‘ und kriminelle Gewalt als Spiegelbild innergesellschaftlicher Gewaltverhältnisse können nicht beseitigt werden. Es muss vielmehr darum gehen, beides zu ächten und zu minimieren.“

 

Zusammenfassung

1. Um rechten Bestrebungen an der Schule entgegenwirken zu können, ist es zuerst vonnöten, dass wir Lehrer/innen diese Bestrebungen als solche wahrnehmen und als bearbeitungsbedürftige Probleme anerkennen.

2. Günstig ist es, sich mit anderen Lehrern über solche Wahrnehmungen zu verständigen und gemeinsam die nächsten Schritte zu überlegen.

3. Die Fragen im Zusammenhang mit dem Rudolf-Hess-T-Shirt können auch in ähnlichen (vergleichbaren) Situationen helfen, das Problem genauer zu ergründen und adäquate Schritte einzuleiten.

4. „An der Sprache sollt ihr sie erkennen.“ - Schimpfwörter, rechtes Sprach- und Gedankengut, ausländer- und fremdenfeindliche Äußerungen dürfen wir nicht unwidersprochen hinnehmen, sondern müssen eindeutig Gegenposition beziehen, auch die anderen Schüler/innen darauf aufmerksam machen.

5. Wir sollten nicht aus jeder Provokation, jedem verwendeten Symbol eine „riesige Diskussion“ ableiten, aber diese Phänomene auch nicht übersehen und überhören.

6. Was ich im Unterricht nicht erreichen kann, sei es aus Zeitknappheit oder anderen Gründen, kann ich manchmal in Projektarbeit sinnvoll bearbeiten und mir dazu die geeigneten Partner/Spezialisten in die Schule holen.

(c) Aktion Zivilcourage e.V. (c) Aktion Zivilcourage e.V. (c) Aktion Zivilcourage e.V. (c) Aktion Zivilcourage e.V.