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Leserbrief zur Lesung: „Wenn Kinder rechtsextrem werden“ – Mütter erzählen

P1010914 P1010871 P1010853 15.02.2009 / Pirna

Eine Mutter entdeckt im Zimmer ihres halbwüchsigen Sohnes ein Kassierungsheft, aus dem hervorgeht, dass er der Kassierer einer rechtsextremen Kameradschaft ist. Aus dem Heft geht auch gleich mal hervor, welcher Kamerad wieviel Strafe zu zahlen hat, wenn er nicht an Demos teilgenommen hat. Die Mutter fällt aus allen Wolken. Ihr sensibles, intelligentes Kind soll rechtsradikal sein? Sie muss feststellen, dass ihr Marco gezielt geworben, wie sie sagt, „klassisch eingesackt“ wurde.

Dass sie der Gehirnwäsche, der ihr Sohn unterliegt, wenig entgegenzusetzen hat. Ihr Sohn wird von der Polizei vorgeladen, sie geht mit und kriegt den Mund nicht auf, obwohl sie weiß, dass er lügt. Die Familie kämpft, versucht, den Sohn familiär einzubinden, damit er nicht zum Rudolf-Heß-Gedenken fährt. Unendliche schlaflose Nächte, Schuldgefühle plagen die Mutter. Sie fühlt sich mit ihren Problemen alleingelassen.

So lautete verkürzt einer von vielen Berichten, die die Journalistin Claudia Hempel aufgeschrieben hat in ihrem Buch „Wenn Kinder rechtsextrem werden“ – Mütter erzählen. Am 10. Februar stellte sie es vor Senioren und interessierten Gästen in der Kirchgemeinde Pirna-Sonnenstein vor. Veranstalter waren die Kirchgemeinde und die Pirnaer „Aktion Zivilcourage“. Die zahlreichen, aufmerksamen Zuhörer erlebten eine hochsensible Veranstaltung. Wer, wie er, die Zerstörung Dresdens noch am eigenen Leibe miterlebt habe, könne nur Abscheu empfinden, wenn sich nazistisches Gedankengut wieder breit mache, äußerte ein Besucher. Aber auch ein Erlebnis mit Springerstiefeln im Gesicht und zerschlagener Brille wurde von einer Seniorin geschildert.

„Die NPD schafft es erfolgreich, in Leerstellen einzudringen, die der Staat hinterlässt“, sagte die Buchautorin. Die Jungen und Mädchen, von denen sie schreibt, seien jahrelang als erkennbare Nazis durch die Gegend gelaufen, ohne dass jemand etwas dagegen gesagt hätte. Nicht der Pfarrer, nicht der Lehrer, der Schulleiter oder die Nachbarn. Das hätten die Jugendlichen als Zustimmung interpretiert. „Diese Mauer des Schweigens, die Ignoranz, die mangelnde politische Aufklärung sind das, was Eltern - jenseits der innerfamiliären Tragödie – hilf- und auch mutlos mache“, schreibt die Autorin im Klappentext zu ihrem Buch. Aber auch, dass sie nicht allein sind. Der Geschäftsführer der „Aktion Zivilcourage“ Sebastian Reißig forderte die Anwesenden auf, gemeinsam aktiv zu werden. Den Mund aufzumachen, wenn an der Geburtstagstafel ausländerfeindliche, antisemitische Sprüche fallen, „denn es ist unser Land, unser Landkreis“. (Anja Oehm)

Quelle: Aktion Zivilcourage e.V.

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