Selbstverständliches auch alltäglich machen, so sehe ich das Ziel der Aktion Zivilcourage. Durch Bildung zu Verantwortung und vernünftiger Toleranz statt Gleichgültigkeit und Extremismus ist dabei nur ein Baustein. Vielfalt statt Einfalt!
Thomas Eichhorn aus Darmstadt
Einladung zur Buchpremiere: "Vor allen Dingen war ich ein Kind – Erinnerungen eines jüdischen Jungen aus Pirna"
Pirna
/ 10.11.2008
Am Montag, 10. November, findet ab 19:00 Uhr die Veröffentlichung des neuesten Buches aus dem Goldenbogen-Verlag statt; im Kapitelsaal des Stadtmuseums Pirna (Klosterhof 2).
Die Geschichte Esra Jurmanns, eines Sohnes Pirnaer jüdischer Geschäftsinhaber, sein Leben im Nationalsozialismus und der Leidensweg seiner Familie in der Nazidiktatur Deutschlands wurde von Jurmannn selbst niedergeschrieben. Am Abend der Buchpremiere sind neben Grußworten von der Stadt Pirna, Hugo Jensch und Dr. Goldenbogen einmalige Tondokumente von Esra Jurmann zu hören. Passagen des Buches werden vom Dresdner Schauspieler Jochen Kretschmar (u. a. Dresdner Staatsschauspiel) gelesen. Im Anschluss sind die ersten Ausgaben des Werks zu erhalten. 400 Exemplare werden danach als Klassensätze in der Region Sächsische Schweiz an Schulen verteilt.
Durch die Veröffentlichung des Buches wird ein wichtiger Abschnitt der Geschichte unserer Region dargestellt und an einem konkreten Schicksal gespiegelt. Die Veranstaltung schafft den regionalen Bezug im Rahmen des Gedenkens des 75. Jahrestages der Machtübergabe an den Hitlerfaschismus und den 70. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938.
Das Buch entstand mit Unterstützung des Kuratoriums Gedenkstätte Sonnenstein e.V. und wurde durch den Lokalen Aktionsplan Sächsische Schweiz im Rahmen des Bundesprogramms „VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ gefördert.
Am Projekt beteiligt sind:
- Goldenbogen-Verlag Dresden und Hugo Jensch
- Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V. und Kuratorium Altstadt
- Aktion Zivilcourage e.V.
- Kultur- und Tourismus Gesellschaft Pirna mbH
- Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Stadt Pirna
Buchpremiere
Montag, 10.11.2008, 19:00 Uhr, Kapitelsaal Stadtmuseum Pirna
um Voranmeldung für die Buchpremiere wird gebeten bei der:
Stadtverwaltung Pirna, Sven Forkert
Tel./Fax: 03501 – 460882 oder E-Mail: sven.forkert@pirna.de
Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.
Hinweis:
Einweihung der Gedenktafel zur Reichspogromnacht
Sonntag, 09.11.2008, am Markt Pirna Ecke Schössergasse durch das Kuratorium Altstadt
Auszüge aus „Juden in Pirna“ von Hugo Jensch (Gesamtausgabe unter: www.geschichte-pirna.de):
Im Juni 1926 eröffnete Wolf Jurmann zunächst in der Dohnaschen Str. 43 in Pirna ein Textilwaren- und Bettfederngeschäft, zieht mit diesem drei Monate später in die Schössergasse 1 und 10b (zwei einander gegenüberliegende Läden) und lässt sich dann im April 1929 am Markt 14 mit erweitertem Warenangebot nieder. Er und seine Frau haben zwei Söhne, Manfred und dessen Bruder Esra. Bereits ab 1933 beginnen die Boykottaufrufe und Schikanierungen gegen das Geschäft von Jurmanns und fünf weitere Läden von jüdischen Besitzern in der Stadt, wie fast überall im Dritten Reich. Die antisemitische und rassistische Politik und Hetze verstärkte sich in den Folgejahren. Die Existenzgrundlage der Familien sollte zerstört werden, denn wer bei Juden einkaufte, machte sich doch mindestens mangelnder "nationaler Gesinnung" verdächtig. Die NSDAP-Kreisleitung fordert Jurmann auf, sein Geschäft in „arische Hände“ zu überführen. Pirna wird dann am 10.11.1938 vom nationalsozialistischen Novemberpogrom erschüttert. SA-Horden zerstörten die Schaufenster der Geschäfte und warfen Waren auf die Straße. An diesem und folgenden Tagen wurden Wolf Jurmann und weitere Geschäftsbesitzer verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Eine Schilderung der Ankunft beschreibt: „Bei ihrem Einmarsch stand die SS, mit Knüppeln und Peitschen bewaffnet, an der Straße von Weimar Spalier, so daß nur ganz wenige unverletzt das Lager erreichten. Die von blutigen Gepäck- und Kleidungsstücken bedeckte Straße, auf der zahlreiche Verwundete lagen, glich einem Schlachtfeld ... Siebzig jüdische Häftlinge wurden infolge der furchtbaren Quälereien wahnsinnig. Man warf sie vorläufig in einen Holzverschlag. Von dort wurden sie nach einiger Zeit gruppenweise in den Bunker überführt und von SS-Oberscharführer Sommer erschlagen." Die Behörden verlangten zynischer Weise, dass die Geschäftsinhaber die an ihren Läden entstandenen Schäden unverzüglich auf eigene Kosten beseitigen, obwohl die meisten von ihnen noch bis Januar 1939 in Buchenwald gefangen blieben, verschleiernd „Schutzhaft“ genannt. Jurmanns gaben ihr Geschäft auf. Nach der Rückkehr Wolf Jurmanns am 14. Januar 1939 muss die Familie Pirna verlassen und zieht nach Dresden. Nazipartei und Behörden frönen dem Ehrgeiz, die Stadt möglichst rasch "judenfrei" zu machen. Verzweifelt suchen sie ein Land, um Deutschland verlassen zu können. Im August 1939 reist Wolf Jurmann schließlich nach England, um dort für seine Familie alles vorzubereiten. Doch der Kriegsausbruch am 01.09.1939 lässt den Kontakt abbrechen. Die Familie sitzt in Dresden gefangen, ihr Oberhaupt sitzt in London fest – keine Verbindung zwischen ihnen ist während des Krieges möglich. Ab dem 19. September 1941 folgt eine der schwersten Demütigungen, die Anordnung den gelben Judenstern mit dem schwarzen Aufdruck "Jude" zu tragen. Außerhalb ihrer vier Wände stehen sie dauerhaft am Pranger, ständig strafloser Willkür ausgesetzt. Am 20. Januar 1942 beginnt der schreckliche Leidensweg einem nächsten Höhepunkt zuzustreben. In eisiger Kälte werden sie im Evakuierungstransport in die Ghettos und Konzentrationslager des Ostens verfrachtet. Frau Jurmann und ihre beiden Söhne gelangen ins Ghetto von Riga. Die SS hat für sie Platz geschaffen, indem sie dort untergebrachte lettische Juden erschlug oder erschoss. Deren Blut färbte immer noch bei Ankunft der Dresdner die Straßen, die Fußböden und umher liegenden Kleidungsstücke in den Wohnungen. In den folgenden Jahren werden die drei mehrmals in andere Konzentrationslager verlegt. Die Mutter Esra Jurmanns wird im August 1944 auf einen Transport geschickt und vermutlich bei dieser „Aussonderungsaktion“ umgebracht. Seinen Bruder verliert Esra im Februar 1945. Er überlebt und wird am 23. März 1945 von der sowjetischen Armee befreit. Auf Umwegen gelangt er nach England, wo er seitdem lebt.




























































































































